Die Balten – Achillesferse der Nato

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Brüssel/Riga, 22. Mrz (Reuters) – Nur Stunden nachdem am 24. Februar die ersten russischen Raketen in der Ukraine einschlugen, erhielt der deutsche Marine-Kommandant Terje Schmitt-Eliassen den Einsatzbefehl. Unter seinem Kommando sollten fünf Kriegsschiffe in Richtung Lettland aufbrechen, um dort die verletzlichste Stelle der Nato-Ostflanke zu sichern.

Die drei baltischen Staaten Estland, Lettland und Litauen mit ihren insgesamt nur rund sechs Millionen Einwohnern sind die einzigen früheren Sowjet-Republiken, die zur Nato gehören. Sie verbindet ein nur 65 Kilometer breiter Korridor mit dem Nato-Kernland – die Suwalki-Lücke, die als Achillesferse der Allianz gilt. 

Nato

Die Verbindungslinie ist begrenzt durch die hochgerüstete russische Exklave Kaliningrad im Westen und den Moskau-Vasallen Belarus im Osten. Der zweite Zugang verläuft über die Ostsee, und Schmitt-Eliassens Befehl lautete, diese Route zu sichern, auch um die Nachschublinien der Nicht-Nato-Staaten Finnland und Schweden offen zu halten. Besonders wichtig aber ist für die Balten die Landbrücke, ohne die die drei Republiken abgeschnitten wären.

Das weiß auch Russlands Präsident Wladimir Putin. „Putin könnte die Suwalki-Lücke schnell einnehmen“, ist sich der pensionierte Bundeswehr-General Hans-Lothar Domröse sicher. Dies werde nicht heute oder morgen geschehen. „Aber es könnte in ein paar Jahren passieren.“

Allerdings stellt Domröse mit Blick auf den Ukraine-Krieg fest: „Wir haben einen Wendepunkt erreicht.“ Domröse war selbst bis 2016 Nato-Kommandeur im niederländischen Brunssum. Für ihn ist klar, die Logik des Kalten Krieges basierend auf der gegenseitigen Abschreckung gehört mit dem Ukraine-Krieg der Vergangenheit an.

„Früher haben wir uns gesagt, dass die Abschreckung funktioniert“, sagt er. „Jetzt müssen wir uns fragen: Reicht die Abschreckung aus?“ Dabei verweist er auch auf den offensichtlichen Schulterschluss Russlands mit China. Beide forderten die globale Führungsrolle der USA in kühner Art und Weise heraus.

Das zeigt auch das Brennglas Ostsee: Vor der Auflösung der Sowjetunion konnte die Nato den westlichen Teil sperren und so verhindern, dass die sowjetische Ostsee-Flotte zur Nordsee und dem Atlantik gelangt und dort US-Nachschubrouten bedrohen könnte.

Heute haben sich die Rollen der Nato und Russlands vertauscht. Russland könnte die baltischen Staaten umzingeln und sie von der Allianz abschneiden. Sollte ein neuer Eiserner Vorgang fallen, muss die Nato sehr darauf achten, dass einige ihrer Mitglieder sich nicht jenseits dieser Mauer wiederfinden.

„WIR DACHTEN ALLE, WIR HÄTTEN KEINEN FEIND MEHR“ 

Putin seinerseits verweist immer wieder auf die Nato-Expansion der vergangenen drei Jahrzehnte. Die Allianz sei dabei lediglich ein Instrument der USA. Der russische Verteidigungsminister Sergej Schoigu warnte Putin zuletzt am 11. März davor, dass die Nato an der russischen Westgrenze aufrüste und zunehmend eine Bedrohung darstelle.

Putin beauftragte seinen Verteidigungsminister als Reaktion, einen Bericht vorzubereiten, wie Russland darauf reagieren solle. Für den ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj steht indes schon fest, dass die baltischen Staaten das nächste Ziel Putins sein werden. 

Dass der Weste Russland mit Diplomatie und Handel einbinden könnte, war über 25 Jahre lang die Devise. Die Nato-Russland-Akte von 1997 schrieb unter anderem fest, dass beide Seiten ihre Truppenpräsenz in Osteuropa begrenzen. Noch 2012 kam es zu gemeinsamen Manövern in der Ostsee. Dann aber kam 2014 die russische Annexion der ukrainischen Halbinsel Krim und eine zunehmende Destabilisierung der Ostukraine.

Die Nato reagierte schließlich Anfang 2017 mit dem Einsatz „Enhanced Forward Presence“, in dessen Rahmen die Stationierung von Kampftruppen in Polen und den baltischen Republiken steht. Deutschland hat dabei die Führungsrolle in Litauen übernommen. 

„Wir dachten alle, wir hätten keinen Feind mehr“, sagt Admiral Rob Bauer, Vorsitzender des Nato-Militärausschusses. „Jetzt sind wir konfrontiert mit einer Nation, die zeigt, dass sie aggressiv ist und dass sie Kräfte hat, die, wie wir dachten, niemals mehr genutzt werden würden.“

Als Reaktion sind die unter Nato-Kommando stehenden Truppen seit Beginn des Krieges auf 40.000 verdoppelt worden, wie es in Kreisen der Allianz heißt. Die Bündnispartner selbst haben zudem fünf Flugzeugträger in europäischen Gewässern stationiert, und die Zahl der Kampftruppen an der Ostflanke beträgt mittlerweile rund 290.000.

Die Balten – Achillesferse der Nato

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Titelfoto und Foto: Symbolfoto

Wichtige Entwicklungen zur Ukraine.

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