Gefühlte Inflationsrate liegt bei 8,5 Prozent

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Berlin, 21. Feb (Reuters) – Die Preise steigen einem Top-Ökonomen zufolge in der Wahrnehmung deutscher Verbraucher deutlich stärker als offiziell gemessen. Die gefühlte Inflationsrate in Deutschland liege aktuell schätzungsweise bei rund 8,5 Prozent, sagte Gunther Schnabl, Professor für Wirtschaftspolitik und Internationale Wirtschaftsbeziehungen an der Universität Leipzig, am Montag der Nachrichtenagentur Reuters. Die offizielle Statistik weist dagegen nur rund fünf Prozent aus.

„Mit dem steilen Anstieg der offiziell gemessenen Raten ist die Inflation nun in aller Munde. Sie wird daher von den Verbrauchern viel stärker wahrgenommen“, nannte Schnabl einen Grund für die Diskrepanz zwischen offizieller und gefühlter Teuerung. „Dazu kommt, dass wegen der Corona-Krise anders konsumiert wird. Restaurantbesuche sind weniger geworden, es werden eher mehr Lebensmittel gekauft – und gerade die haben sich zuletzt überdurchschnittlich verteuert.“ Da Obst, Gemüse oder Brot regelmäßig gekauft werden, fallen Preiserhöhungen auch stärker auf als bei selten gekauften Waren wie Möbel, Waschmaschinen oder Computer.

Schnabl, der das Institut für Wirtschaftspolitik an der Uni Leipzig leitet, stützt sich auf die regelmäßigen Umfragen der Europäischen Kommission unter Verbrauchern. Diese ergab für das vierte Quartal 2021 für den gesamten Euro-Raum – Daten für einzelne Länder werden nicht angegeben – eine gefühlte Teuerungsrate im gesamten Euro-Raum von 8,0 Prozent. Damit liegt sie 3,4 Punkte über der offiziell ermittelten Rate von 4,6 Prozent. Schnabl schlägt diesen Wert auf den im Januar ermittelten offiziellen und nach europäischen Regeln berechneten deutschen Anstieg der Verbraucherpreise von 5,1 Prozent auf.

Daraus ergibt sich eine gefühlte Inflationsrate von 8,5 Prozent für Deutschland. „Ich gehe davon aus, dass die gefühlte Inflation weiter hoch bleiben wird, weil die EZB weiter mit der geldpolitischen Straffung zögert“, sagte der Ökonom. Damit dürfte die offiziell gemessene Teuerung hoch bleiben und die Berichterstattung darüber anhalten. „Beides wird die gefühlte Inflation weiter befeuern.“

„GEWERKSCHAFTEN KÖNNTEN AUF HÖHERE ABSCHLÜSSE DRÄNGEN“

Derweils mehren sich die Anzeichen dafür, dass die starke Teuerung länger anhalten dürfte. So legten die Erzeugerpreise im Januar um 25 Prozent Vorjahresmonat zu – ein Nachkriegsrekord. „Es ist anzunehmen, dass der Handel mindestens einen Teil davon an die Endverbraucher weitergeben wird“, sagte LBBW-Ökonom Jens-Oliver Niklasch. Sein Commerzbank-Kollege Ralph Solveen fügte hinzu: „Wir gehen davon aus, dass die Teuerungsrate in Deutschland sich bis in den Herbst um die fünf Prozent bewegen wird.“

Die hohen Werte könnten dem Professor zufolge bei den anstehenden Tarifverhandlungen eine Rolle spielen. „Lange Zeit wurden insbesondere in Deutschland hohe Lohnforderungen mit dem Argument abgeblockt, dass die Inflation gering sei“, sagte er. Die offiziell gemessene Teuerung diente in der Vergangenheit als Richtschnur bei den Lohnverhandlungen.

„Da nun die Inflationsraten steigen und die gefühlte Inflation ohnehin schon lange über den Lohnabschlüssen liegt, könnten die Gewerkschaften stärker auf höhere Lohnabschlüsse drängen“, sagte Schnabl. „Dann würde eine Lohn-Preis-Spirale in Gang gesetzt, wie sie sich bereits in den USA und dem Vereinigten Königreich abzeichnet.“ Davon wird gesprochen, wenn sich Löhne und Preise gegenseitig immer weiter nach oben schaukeln.

Auch für die EZB könnte die hohe gefühlte Inflation zum Problem werden. „Die Europäische Zentralbank hat seit langem ein Akzeptanz-Problem“, sagte Schnabl. „Nun stellen sich die Inflationsprognosen der EZB als falsch heraus und sie weigert sich, der überraschend hohen Inflation entgegenzutreten.“

Die Währungshüter sollten eigentlich vorausschauend Inflation verhindern, liefen nun aber den stark steigenden Verbraucherpreisen hinterher. „Da das das Vertrauen in die EZB und den Euro weiter unterhöhlen dürfte, sollte die EZB die Sorgen der Bürgerinnen und Bürger ernster nehmen und die geldpolitische Wende zeitnah einleiten“, sagte Schnabl.

Er sieht zudem Probleme bei der offiziellen Inflationsmessung. So würden die seit längerem stark steigenden Preise von eigengenutzten Wohnimmobilien erst gar nicht erfasst. „Das ist ein Problem, denn junge Leute müssen viel tiefer in die Tasche greifen, wenn sie eine Wohnung kaufen wollen“, sagte der Experte. Zudem scheine die Qualitätsanpassung in der Statistik einseitig auf Preissenkungen ausgerichtet zu sein. 

Gefühlte Inflationsrate liegt bei 8,5 Prozent

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