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Donnerstag, Dezember 1, 2022

Volkswirte zum Anstieg der Inflation auf 10,0 Prozent

Expertenmeinungen

Frankfurt, 29. Sep – Die Inflation in Deutschland hat sich im September massiv erhöht und ist auf den höchsten Stand seit Anfang der 1950er Jahre geklettert. Nach dem Wegfall des 9-Euro-Tickets und des Tankrabatts kosteten Waren und Dienstleistungen durchschnittlich 10,0 Prozent mehr als ein Jahr zuvor. Von Reuters befragte Ökonomen hatten nur mit einem Anstieg auf 9,4 Prozent gerechnet, nach 7,9 Prozent im August. Volkswirte sagten dazu in ersten Reaktionen:

MICHAEL HOLSTEIN, DZ BANK:

„Das Auslaufen von Tankrabatt und 9-Euro-Ticket hat im September die Inflationsrate in Deutschland noch einmal kräftig ansteigen lassen. Nach 7,9 Prozent im August kletterte die Teuerungsrate nun auf 10,0 Prozent. Damit ist die Geldentwertung zum ersten Mal seit 1951 wieder zweistellig. Neben den Energiepreisen sorgen derzeit vor allem die Nahrungsmittelpreise für Teuerungsdruck. Insbesondere da diese beim täglichen Einkauf im Fokus stehen, sorgt die hohe Inflationsrate bei den Verbrauchern für eine enorme Verunsicherung. Die daraus resultierende Kaufzurückhaltung wird den privaten Konsum in den kommenden Monaten empfindlich schwächen – zumal bei der Teuerungsentwicklung das Ende der Fahnenstange noch nicht erreicht ist. Von Seiten der Wirtschaftspolitik ist schnelle und unbürokratische Hilfe vor allem für Haushalte mit niedrigeren Einkommen sowie kleine und mittlere Unternehmen mit hoher Energieabhängigkeit gefordert. Die Regierung muss nun alles dafür tun, um soziale Härten und damit gesellschaftliche Verwerfungen zu vermeiden.“

ALEXANDER KRÜGER, HAUCK AUFHÄUSER LAMPE:

„Das Inflationsdrama geht in die nächste Runde. Der Wegfall des Tankrabatts und des 9-Euro-Tickets sind dabei lediglich ein einmaliger Sondereffekt. Beängstigend ist nach wie vor, dass der Inflationsanstieg immer breiter wird. An eine Beruhigung ist mit Blick auf Lieferketten und Energiepreise vorerst nicht zu denken. Zweit- und Drittrundeneffekte werden auch in den nächsten Monaten auf dem Vormarsch sein. An einen nennenswerten Rückgang der Inflationsrate ist vorerst nicht zu denken. Der EZB bleibt gar nichts anderes übrig, als schnell und kräftig an der Zinsschraube zu drehen.“ 

JÖRG KRÄMER, COMMERZBANK:

„Mit dem Ende von Tankrabatt und 9-Euro-Ticket wird die Inflation in Deutschland wieder ungeschminkt sichtbar. Sie ist mit 10,0 Prozent zum ersten Mal seit dem Korea-Krieg Anfang der 1950er Jahre zweistellig. Auch jenseits der teuren Energie steigen die Verbraucherpreise immer schneller. Um verloren gegangenes Vertrauen zurückzugewinnen und die Inflation schrittweise wieder auf zwei Prozent zu drücken, sollte die EZB ihre Leitzinsen auf den nächsten Sitzungen erneut kräftig um jeweils 0,75 Prozentpunkte anheben.“

ULRIKE KASTENS, DWS:

„Der Anstieg der Energiekomponente lag bei 43,9 Prozent und fiel damit sogar geringer aus, als von uns erwartet. In einigen Bundesländern wie Nordrhein-Westfalen verteuerten sich die Gaspreise im Monatsvergleich nur um 2,7 Prozent. Ein großer Teil der von den Versorgern bereits angekündigten Preiserhöhungen scheint daher noch nicht seinen Weg in die Statistik gefunden zu haben. Ähnliches gilt für Strom. Doch dies ist nur eine Frage der Zeit. Alles in allem scheint damit der Gipfel der Inflationsentwicklung noch nicht erreicht zu sein. In den kommenden Wintermonaten können Raten von über zwölf Prozent nicht ausgeschlossen werden. Dies verstärkt den Druck auf die Europäische Zentralbank, auf ihrer Oktober-Sitzung die Leitzinsen erneut um 75 Basispunkte zu erhöhen.“

FRITZI KÖHLER-GEIB, KFW:

„Mit dem Auslaufen von Tankrabatt und 9-Euro-Ticket ist die Inflation im September deutlich gestiegen und hat jetzt sogar die 10-Prozent-Marke gerissen. Der Preishammer kommt derzeit von Strom und Gas. Denn nach und nach sickern die exorbitanten Großhandelspreise zu den Haushalten durch. Einen Vorgeschmack bieten die Neuvertragspreise bei den Vergleichsportalen, die um ein Vielfaches über den Vorjahreswerten liegen, während beim Durchschnittshaushalt im August „erst“ Gaspreissteigerungen von 59 Prozent und Strompreissteigerungen um 17 Prozent angekommen sind. Bis Jahresende dürfte die Inflation daher sogar noch weiter steigen, dann hängt viel von der Ausgestaltung der Strompreisbremse und den angedachten Entlastungen für Gaskunden ab.“

ULRICH KATER, DEKABANK:

„Die Inflation in Deutschland wird immer noch wesentlich durch die Energiepreise getrieben. Ein Gaspreisdeckel könnte die Inflation kurzfristig etwas abmildern. Wirklich besser wird es aber erst, wenn die Transportkapazitäten für Flüssiggas im kommenden Jahr zügig ausgebaut werden können. Für die kommenden Monate wird auch entscheidend sein, ob die privaten Haushalte auf die hohen Preise reagieren und ihren Winterverbrauch im Vergleich zu den Vorjahren reduzieren.“

MICHAEL HEISE, HQ TRUST:

„Wie zu erwarten war, hat der Wegfall der staatlichen Preisermäßigungen für Kraftstoffe und Personenverkehr die Inflationsrate im September kräftig ansteigen lassen – auf den höchsten Wert seit 1951. Die schlechte Nachricht ist, dass die Preise auch ohne diesen Effekt weiter angestiegen sind, was nicht zuletzt auf höhere Lebensmittelpreise zurückzuführen ist. Die hohe Inflation wirkt wie eine Vollbremsung für die Konjunktur: Geringere Kaufkraft und weniger Konsum der privaten Haushalte, steigende Produktionskosten der Unternehmen und konjunkturdämpfende Anti-Inflationsmaßnahmen der Europäischen Zentralbank kommen zusammen.“

SEBASTIAN DULLIEN, IMK-DIREKTOR:

„Mit diesem neuen 70-Jahres-Hoch ist allerdings der Höhepunkt der Inflation leider noch nicht erreicht. In den kommenden Monaten wird es noch weiter aufwärts gehen. Vor allem die hohen Gaspreise im Großhandel dürften bis ins Jahr 2023 hinein an die Privathaushalte weitergegeben werden. Über den Winter könnte die Inflation die psychologisch wichtige 10-Prozent-Marke knacken. Die hohe Inflation ist dabei der Hauptgrund, warum die meisten Prognostiker von einer Rezession im Winter ausgehen: Den Haushalten bleibt bei schwindender Kaufkraft einfach nicht genug Geld, um ihr Konsumniveau aufrecht zu erhalten.“

Volkswirte zum Anstieg der Inflation auf 10,0 Prozent

Quelle: Reuters

Titelfoto: Symbolfoto

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