Montag, Juli 15, 2024
StartKommentarFallstudie zu New Food Systems: Präzisionsfermentation und kultiviertes Fleisch als Investmentmöglichkeiten

Fallstudie zu New Food Systems: Präzisionsfermentation und kultiviertes Fleisch als Investmentmöglichkeiten

Ein aktueller Kommentar von Conor Walsh, Lead Portfolio Manager bei Lombard Odier Investment Managers (LOIM):

Um eine wachsende Bevölkerung auf nachhaltige Weise zu ernähren, sind neue Lebensmittelsysteme erforderlich. Bis 2030 müssen 1 Milliarde Hektar Land renaturisiert werden, indem die landwirtschaftliche Nutzfläche um 20 % reduziert wird.

Die Covid-19-Pandemie hat die Anfälligkeit des globalen Lebensmittelsystems deutlich gemacht, und der Konflikt in der Ukraine sorgt weiter für Lieferkettenunterbrechungen. Aus diesen Gründen ist es enorm wichtig, dass Lebensmittelsysteme auf künftige Schocks vorbereitet sind. Dies erfordert Innovationen und den Einsatz neuer Technologien, um auf der einen Seite die Ernährung aller zu gewährleisten, auf der anderen Seite gleichzeitig die planetarischen Grenzen zu respektieren. 

Der Übergang zu neuen Lebensmittelsystemen wird bestehende Gewinnquellen zerstören und neue schaffen. Es wird erwartet, dass der daraus resultierende Markt bis 2030 weltweit jährliche Einnahmen von 1,5 Billionen USD generieren wird.  Zusätzlich zu den Unternehmen, die bereits neue Proteinprodukte herstellen, wird dieser Übergang Investitionsmöglichkeiten in Form von Unternehmen schaffen, die spezialisierte Produkte und Dienstleistungen für Unternehmen in der Wertschöpfungskette anbieten.

Unter den neuen Proteinen sind pflanzliche Fleischanaloga am ehesten in der Lage, den Massenmarkt zu erreichen. In dieser thematischen Fallstudie werden jedoch neuere Geschäftsmodelle analysiert, die auf dem Gebiet der alternativen Proteine entstehen. Präzisionsfermentation und kultiviertes Fleisch sind zwei unterschiedliche Produktionsansätze, die zunehmend an Bedeutung.

Alternative Proteine auf dem Vormarsch

Schätzungen zufolge wird im Jahr 2035 jede zehnte Portion Fleisch, Eier und Milchprodukte aus alternativen Quellen stammen. Alternative Proteine haben das Potenzial, den Energie- und Flächenverbrauch in der Landwirtschaft erheblich zu senken. Zuchtfleisch zum Beispiel braucht weniger Energie und 1 % der Fläche, die für die konventionelle Rindfleischproduktion benötigt wird. Auch die Emissionen sollten deutlich geringer ausfallen als in der konventionellen Schweine- und Geflügelindustrie. 

Die sich entwickelnde Verbraucherstimmung, eine unterstützende Regierungspolitik und die sich rasch entwickelnde Technologie tragen alle zum Wachstum des Sektors für alternative Proteine als Mittel zur Bewältigung dieser Nachhaltigkeitsherausforderungen bei. Da sich der Markt ausweitet, sehen wir rasch sinkende Produktionskosten, die die Preisgleichheit mit den aus tierischen Quellen stammenden Äquivalenten erreichen werden. Der weltweite Fleischmarkt wird heute auf 2 Billionen USD geschätzt. Zusammen mit den Milchprodukten beläuft sich der adressierbare Markt für alternative Lösungen auf fast 2,5 Billionen USD.

Die Präzisionsfermentation gewinnt im Bereich der alternativen Proteine weiter an Bedeutung, da diese relativ ausgereifte Technologie neue Anwendungen findet. Enzyme, die durch Präzisionsfermentation hergestellt werden, sind seit Jahrzehnten im Einsatz und werden zur Herstellung von Aromastoffen, Vitaminen, natürlichen Pigmenten und Fetten verwendet. Dieses Verfahren wird nun auch im Bereich der alternativen Proteine angewandt, um Proteine zu produzieren, die die gewünschten Eigenschaften von tierischen Produkten nachahmen, jedoch ohne die Tiere zu halten.

Wachsendes Protein: Bei diesem Verfahren wird das genetische Material für das gewünschte tierische Protein in einen effizienten Wirtsorganismus integriert, der dann in Fermentationsbecken gezüchtet wird. Anschließend wird das Protein von den Wirtszellen abgetrennt und gereinigt.

Es gibt eine wachsende Zahl von Unternehmen, die die Präzisionsfermentation einsetzen. The EVERY Company stellt zum Beispiel tierfreies Eiprotein her. Impossible Meat nutzt die Präzisionsfermentation, um einen Inhaltsstoff namens „Häm“ zu erzeugen, der für den einzigartigen Geschmack und das Aroma von Fleisch verantwortlich ist.

Die Unternehmen in diesem Bereich haben 2021 1,69 Mrd. USD aufgenommen, was einer Verdreifachung des Betrags von 2020 entspricht. Allein im letzten Jahr wurden fünfzehn bekannte Start-ups gegründet, die sich mit der Nutzung der Fermentation für alternative Proteine beschäftigen. Aufgrund des risikoreicheren Charakters von Start-up-Unternehmen neigen wir jedoch dazu, einen anderen Ansatz für Investitionen in diesem Bereich zu wählen. Wir verfolgen einen „Picks-and-Shovels“-Ansatz, der es uns ermöglicht, vom Wachstum der Branche zu profitieren, ohne uns dem spezifischen Risiko von Start-up-Unternehmen auszusetzen.

Kulturfleisch weist gegenüber konventioneller Tierhaltung erhebliches Wachstum auf

Das Verfahren erfordert die Beschaffung von Stammzellen, die dann in Bioreaktoren gezüchtet werden. Man schätzt, dass mit diesem Verfahren 150 Kühe den weltweiten Rindfleischverbrauch decken könnten, im Gegensatz zu den 1,5 Milliarden, die es heute gibt.[1] Es müssen keine Tiere geschlachtet werden, und die Produktion erfordert einen deutlich geringeren Land- und Wasserverbrauch. Außerdem werden keine Antibiotika benötigt und es kommt zu keiner bakteriellen Verunreinigung.

Die Lieferketten für traditionelle Fleischprodukte sind in der Regel lang und komplex. Der Krieg in der Ukraine hat gezeigt, wie anfällig sie für äußere Einflüsse sind und wie wichtig „On-shoring“ oder „Near-shoring“ für die Minimierung von Störungen ist. Zuchtfleisch hat das Potenzial, weniger anfällig für diese angebotsseitigen Schocks zu sein, da es eine größere Kapazität für eine zentralisierte Produktion hat. Außerdem bietet es die Möglichkeit, die hohen Treibhausgasemissionen zu reduzieren, die mit den einzelnen Stufen der Lieferkette verbunden sind.

Insbesondere die tierischen Produktionssysteme sind mit hohen Emissionen verbunden und haben einen erheblichen Beitrag zum anthropogenen Klimawandel geleistet. Jede Stufe der Kette trägt zum Ausstoß von Treibhausgasen (THG) bei, einschließlich des Anbaus von Futtermitteln, der Umwandlung von Land für die Weide- oder Futtermittelproduktion und der damit verbundenen Energieerzeugung aus fossilen Brennstoffen für Maschinen und die Herstellung von Düngemitteln.

Singapur ist das erste Land der Welt, das seit 2020 Fleisch aus dem Labor zulässt. Die singapurische Lebensmittelbehörde (SFA) weist ausdrücklich darauf hin, dass kultiviertes Fleisch das Potenzial hat, einige der durch die Pandemie verschärften Ernährungsprobleme des Landes abzuschwächen. Die weltweit erste industrielle Anlage für kultiviertes Fleisch wird 2022 in Israel eröffnet und hat Berichten zufolge eine Tagesproduktion von 500 Kilo Fleisch. Andere Länder könnten bald nachziehen. Die US-amerikanische Lebensmittel- und Arzneimittelbehörde (FDA) hat vor kurzem das im Labor gezüchtete Fleischprodukt von Upside Foods genehmigt und damit den Weg für andere Unternehmen geebnet.

Beispiele für börsennotierte Unternehmen

UnternehmenLösung
Royal DSMEin Biotechnologieunternehmen, das in künstliche Intelligenz investiert, welche dazu beiträgt, die Effizienz und Effektivität bei der Entwicklung biobasierter Produkte und Produktionstechnologien zu verbessern.
GEAAnbieter von Technologien und Ausrüstungen für die wichtigsten Prozess-schritte bei der Herstellung pflanzlicher Proteine.
Thermo FisherUS-amerikanischer Biotechnologie- und Pharmazieanbieter, der ein führender An-bieter von Zellkulturmedien ist – einem wichtigen Ausgangsmaterial für im Labor gezüchtetes Fleisch.

Beispiele für nicht-börsennotierte Unternehmen

SuperMeatBesitzt und betreibt die weltweit erste kultivierte Fleischanlage in Israel.
Liberation LabsSpezialisiert auf Lösungen, die die Kommerzialisierung der Präzisionsfermentation ermöglichen, einschließlich speziell gebauter Anlagen, die sich an 80 % oder mehr des Marktes für alternative Proteine anpassen lassen.
VitroLabsEin Start-up, das durch Gewebe-züchtung im Labor gezüchtetes Leder entwickelt.

Fallstudie zu New Food Systems: Präzisionsfermentation und kultiviertes Fleisch als Investmentmöglichkeiten

Foto von Conor Walsh (Quelle: LOIM)

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