Baerbock und der Westbalkan – Ukraine-Krieg belebt Trauma

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Belgrad/Mitrovica, 12. Mrz (Reuters) – Der Krieg in der Ukraine lag wie ein Schatten über der Reise von Annalena Baerbock auf den Westbalkan. Vor rund 30 Jahren tobte in der Region wegen der Auflösung Jugoslawiens selbst ein Krieg, der fast das gesamte Jahrzehnt dauerte und bis heute Narben hinterlassen hat.

„Ich bin mir bewusst, dass sich viele Menschen hier angesichts der Bilder aus Kiew, aus Mariupol an die schlimme Zeit der 90er Jahre erinnert fühlen“, sagt die deutsche Außenministerin bei einer Pressekonferenz in Sarajevo. „Menschen meiner Generation rund um die 40, die mit zehn, elf, zwölf Jahren miterleben mussten, wie ihre Väter, ihre Brüder erschossen worden sind, die erleben mussten, wie ihre Schwestern, ihre Mütter vergewaltigt worden sind, und die dieses Trauma ein Leben lang prägt.“

Baerbocks Mission auf ihrer Reise, die sie neben Sarajevo auch in das Kosovo und die serbische Hauptstadt Belgrad führt: Die Staaten des Westbalkans – neben Bosnien-Herzegovina, Kosovo und Serbien auch Albanien, Nordmazedonien und Montenegro – müssen dringend weiter an die Europäische Union herangeführt werden. Europa habe den westlichen Balkan viel zu lange vernachlässigt, sagt Baerbock und betont: „Wir wollen gemeinsam im europäischen Haus zusammen leben.“ Und wo könnte der Gedanke eines friedlichen Zusammenlebens besser symbolisiert sein als in Sarajevo, die in den 90er Jahren vom Krieg so geschundene Stadt.

Die Grünen-Politikerin will auf ihren Reisen unter die Oberfläche blicken, Gespräche und Pressekonferenzen mit ihren Politiker-Kollegen absolviert sie routiniert. Aber sie will etwas erfahren von den Menschen an dem Ort, an dem sie gerade ist. Ortstermin Sarajevo: Baerbock trifft sich mit den Bürgermeistern der bosnischen Hauptstadt, von Mostar im kroatischen Teil des Landes und dem serbischen Banja Luka, alle drei in ihrer Altersgruppe. Hier sieht die Ministerin die Zukunft, wenn sie mit ihren Gastgebern ein orthodoxe Kirche, eine Moschee und dann ein katholisches Gotteshaus besucht. 

„EINE LOHNENDE ÜBUNG“

Im Kosovo – der zweiten Station ihrer Reise – bekommt sie anderes zu sehen. Baerbock besucht die Stadt Mitrovica im Norden des Kosovo, Richtung Serbien. Noch immer wird der Ort durch eine Brücke geteilt – im Norden lebt die serbische Bevölkerung, südlich die kosovo-albanische. Vor gut 20 Jahren sorgten hier noch Scharfschützen dafür, dass keiner auf die andere Seite gelangte. Jetzt stehen zwei gesicherte Fahrzeuge der italienischen Carabinieri auf der Brücke und sorgen dafür, dass es ruhig bleibt. Auch hier hat Baerbock einen Ortstermin mit den Bürgermeistern beider Ortsteile sowie Vertreterinnen der Zivilgesellschaft, die der Ministerin den Alltag in der faktisch geteilten Stadt schildern. 

„Einen Berg zu besteigen, ist eine lohnende Übung; wenn man die Spitze erreicht hat und die Sicht gut ist, kann man zurückschauen auf den schwierigen Weg hinter einem“, sagt Baerbock bei der Eröffnung des ersten Windparks im Kosovo in der Nähe von Mitrovica. Der Termin geht der Ministerin leicht von der Hand. Neben einer wertebasierten Außenpolitik hält die Grünen-Politikerin das Credo des Klimaschutzes hoch – auch oder gerade als deutsche Chefdiplomatin. Denn Klima- und Energiepolitik, das zeige nun dringlich auch der Ukraine-Krieg, sei eben auch Außen- und Sicherheitspolitik. 

Ortstermin Belgrad im Zentrum für kulturelle Dekontamination, ein Ort des politischen und kulturellen Dialogs. Baerbock erzählt dem Publikum von der deutschen Vergangenheit und ist überzeugt, dass man die Zukunft nicht gestalten könne, wenn man nicht daraus lerne. Dies gelte auch für Serbien.

Bei der Pressekonferenz nach einem Treffen mit Präsident Aleksandar Vucic wählte die Ministerin ebenso klare Worte: Im Ukraine-Krieg stehe nicht weniger auf dem Spiel, „als unsere gemeinsamen europäischen Werte: Frieden, Freiheit, Demokratie und Wohlstand“. Umso wichtiger sei es jetzt, „klar Farbe zu bekennen und sich nicht politisch wegzuducken“. Gerade die Menschen im früheren Jugoslawien wüssten, was Kriege bedeuten.

Baerbock und der Westbalkan – Ukraine-Krieg belebt Trauma

Copyright: (c) Copyright Thomson Reuters 2022

Titelfoto: Symbolfoto

Wichtige Entwicklungen zur Ukraine.

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