Sonntag, März 3, 2024
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Ausgleich des demographischen Defizits: Länger arbeiten oder mehr Roboter?

Ein Kommentar von Henk Grootveld, Head of Trends Investing bei Lombard Odier Investment Managers (LOIM):

Seit wir uns zurückerinnern können, wurde die Weltwirtschaft durch eine ständig wachsende Zahl von Arbeitskräften angekurbelt. Diese demografische Dividende, die zunächst durch den Babyboom der Nachkriegszeit angetrieben wurde, schuf ein ideales Umfeld für die Rentabilität der Unternehmen und den Anstieg der Aktienkurse. Sie war einer der vier Phänomene der vergangenen 40 Jahre, welche die Kapitalkosten ungewöhnlich niedrig hielten, die sich nun aber unserer Meinung nach umkehren werden. Der Übergang von einer wachsenden, jugendlichen Gesellschaft zu einer schrumpfenden, alternden Gesellschaft wird ein neues demografisches Defizit schaffen, das zu höherer Inflation und höheren Kapitalkosten führen wird.

Die größten Volkswirtschaften der Welt, Nordamerika, Europa, Japan und China, werden nicht mehr von einem stetigen Wachstum der Erwerbsbevölkerung profitieren. Stattdessen werden ihre Arbeitskräftepools in den kommenden Jahrzehnten angesichts der Verwandlung der demografischen Dividende in ein demografisches Defizit um bis zu 1% jährlich schrumpfen. Ist dieses Defizit vermeidbar? Eine mögliche Lösung besteht darin, die Erwerbsbeteiligung aller – Männer, Frauen und älterer Menschen – zu erhöhen. Heute liegt die Erwerbsbeteiligung von Frauen in Europa bei etwa 50 % und in den USA bei 55%, während sie bei Männern in Europa 65 % und in den USA 70 % beträgt. 

Um den geschätzten jährlichen Rückgang der Erwerbsbevölkerung um etwa 1 % auszugleichen, muss die Erwerbsquote der Frauen jährlich um 2 Prozentpunkte steigen, um bis 2030 mit jener der Männer gleichzuziehen. Von da an muss die kombinierte Erwerbsquote beider Geschlechter auf fast 80 % steigen. Dies ist nicht beispiellos, lag die Erwerbsquote der Männer in der Wiederaufbauphase nach dem Zweiten Weltkrieg doch bei über 80 %. Doch der aktuelle Trend, den einige Wissenschaftler bereits als „Great Resignation“ (grosse Kündigungswelle) bezeichnen, steht dem entgegen. Dieser Begriff beschreibt die ungewöhnlich hohe Zahl freiwilliger Kündigungen von Arbeitnehmern seit 2021. Als Gründe gaben sie die Suche nach einer besseren Work-Life-Balance oder mehr Flexibilität oder einfach nur den Wunsch an, vorzeitig in Pension zu gehen. Wenngleich das Phänomen zuerst in den USA auftrat, ist es auch in anderen Regionen zu beobachten.

Eine aktuelle Studie von Morgan Stanley stellte bereits eine ähnliche Entwicklung in Europa fest. Sie ergab, dass jeder dritte Europäer, gleich welchen Alters, ein Nebeneinkommen aus webbasierten Aktivitäten erzielt und plant, seinen Arbeitsplatz aufzugeben, um diesen Tätigkeiten in Vollzeit nachzugehen.

In China wird dieses Phänomen als „tang ping“ bezeichnet, was so viel wie „flach liegend“ bedeutet. Es wird eher als ein Lebensstil und eine soziale Protestbewegung unter jungen Menschen angesehen, die den gesellschaftlichen Druck ablehnen, neun Stunden am Tag und sechs Tage in der Woche zu arbeiten, wie es in China üblich ist. Diejenigen, die „tang ping“ praktizieren, verfolgen geringere berufliche Ambitionen und einfachere Lebensziele. Mit anderen Worten: Sie arbeiten, um zu leben, anstatt zu leben, um zu arbeiten. Dies unterscheidet sie von den Hikikomori in Japan, die sich völlig aus dem Arbeitsleben und aus der Gesellschaft zurückziehen. In China ist die allgemeine Erwerbsquote bereits von 71 % im Jahr 2010 auf 67 % im Jahr 2020 gesunken. Tang ping wird sicherlich nicht dazu beitragen, diesen Rückgang zu stoppen, geschweige denn, ihn umzukehren.

Die Erhöhung der Erwerbsquote von Menschen ab 65 Jahren erscheint wie ein Patentrezept, das theoretisch sowohl den Rückgang der Erwerbsbevölkerung als auch die Zahl der abhängigen Rentner verringern könnte. Historisch gesehen macht das auch Sinn: Das Renteneintrittsalter von 65 Jahren ist seit mehr als einem Jahrhundert in Stein gemeisselt, während sich unsere Lebenserwartung mehr als verdoppelt hat. Den demografischen Statistiken der Vereinten Nationen und unseren Berechnungen zufolge steigt mit jedem Jahr, um welches das offizielle Rentenalter angehoben wird, die Verfügbarkeit von Arbeitskräften um 2 %. Angesichts des vor uns liegenden geschätzten Rückgangs der jährlichen Erwerbsbevölkerung müsste das Renteneintrittsalter um vier bis sechs Monate verschoben werden.

Zu beachten ist jedoch, dass dieser Aufschub jedes Jahr erfolgen müsste, um eine kumulative Verlängerung der Lebensarbeitszeit zu erreichen. Die Folge wäre, dass 2040 erst 75-Jährige und 2050 erst 80-Jährige Anspruch auf eine Rente hätten. Es mag sein, dass ein US-Präsident in diesem Alter noch arbeitet, aber Politiker, die vorschlagen, das Rentenalter in diesem Tempo zu erhöhen, wären wahrscheinlich nicht mehr lange im Amt.

Eine derartige Erhöhung der Zahl der Erwerbstätigen erscheint vielleicht wie eine praktikable Lösung, könnte sich aber als politisch unrealistisch erweisen und würde sicherlich dem jüngsten Kündigungstrend zuwiderlaufen. 

Lösung II: Mehr Roboter und Automatisierung

Roboter und Automatisierung haben bereits in den letzten Jahrzehnten das Produktivitätswachstum vorangetrieben. Dabei ergänzen sie vor allem die industrielle Arbeit, wo sie einen Teil der menschlichen Tätigkeiten überflüssig gemacht haben. Dadurch hat sich eine beträchtliche Anzahl von Arbeitsplätzen aus dem verarbeitenden Gewerbe in den Dienstleistungssektor verlagert.

Natürlich können mehr KI-Tools und Roboter eingesetzt werden, vor allem in der verarbeitenden Industrie. Aber genau hier liegt das Problem. Eine alternde Gesellschaft wird von Fanuc-Robotern hergestellte Familienautos und mit KI-gesteuerten Nähmaschinen produzierte Kinderkleidung weniger stark nachfragen, während die Nachfrage nach Demenzpflege und Freizeitgestaltung steigen wird. Das sind genau jene Jobs, an denen die Automatisierung bisher vorbeigegangen ist. Um nur ein Beispiel zu nennen: Die Association of American Medical Colleges geht davon aus, dass in den USA bis 2032 insgesamt 120’000 Ärzte und Pflegekräfte fehlen werden.

Leider gibt es heute noch keinen Pflegeroboter, und es ist auch nicht wahrscheinlich, dass sich das in naher Zukunft ändern wird. Mit der Automatisierung hat der Gesundheitssektor erst den grossen Zeh ins Wasser gesteckt: KI unterstützt einige radiologische Geräte, Roboter führen eine begrenzte Anzahl von chirurgischen Eingriffen durch, und die erste vollautomatische Apotheke wird gerade getestet.

Aber die konservative Gesundheitsbranche muss roboter- und automatisierungsaffin werden, um mit der wachsenden Zahl älterer Menschen und Patienten mit chronischen Krankheiten Schritt zu halten. Dasselbe gilt für den Freizeitsektor. Zwar gibt es immer mehr digitale Reiseleiter, aber im Restaurant werden wir bisher noch nicht von Robotern bedient.

Die Automatisierung hat ein enormes Potenzial, die durch die schrumpfende Erwerbsbevölkerung und die Alterung verursachten Probleme auszugleichen, aber wir brauchen eindeutig mehr digitale Innovationen, um der wachsenden Nachfrage im Freizeit- und Gesundheitsbereich gerecht zu werden.

Ausgleich des demographischen Defizits: Länger arbeiten oder mehr Roboter?

Foto von Henk Grootveld (Quelle: LOIM)

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