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Freitag, Dezember 9, 2022

„Wein für den Sieg“ – Winzer in der Ukraine trotzen dem Krieg

Expertenmeinungen

Slywyne, 06. Sep – Gleich in den ersten Wochen des Kriegs schlug eine russische Rakete mitten in Georgij Moltschanows Rebstöcke nahe der südukrainischen Stadt Mykolajiw. Rund sechs Monate später läuft auf seinem kleinen Gut in dem Dorf Slywyne die Weinlese und Moltschanow überlegt, wie er den denkwürdigen Kriegsjahrgang nennen soll. „Wir müssen zeigen …, dass es einen Wein für den Sieg gibt“, sagt Moltschanow und demonstriert eine trotzige Entschlossenheit, die er mit anderen Winzern in der Region teilt. „Man muss arbeiten, weiterleben und Pläne für die Zukunft schmieden – und hoffen, dass die Raketen nicht dein Haus treffen.“ Mit seinem Unternehmen SliVino Village will er weitermachen, egal wie widrig die Umstände auch sein mögen.

Im deutlich größeren Weingut Koblewo rund eine Autostunde weiter südwestlich waren es russische Fallschirmjäger, die in den Weingärten landeten. „Wir tun was wir können und versuchen, unser Land zu unterstützen unter diesen harten Bedingungen“, sagt Gutsdirektor Witalii Ryboschapko. Aus leeren Flaschen wurden Molotow-Cocktails, und als viele seiner Arbeiter sich dem Militär anschlossen, packte Manager Ryboschapko fortan auf den weitläufigen Weinfeldern selbst mit an. Das Gut, nahe einem weitgehend verlassenen Ferienort am Schwarzen Meer gelegen, etikettierte einige Flaschen mit der Aufschrift „Wir sind aus der Ukraine“ und spendete einen Teil der Umsätze der Armee.

SEKT-KONSUM IN DER UKRAINE EINGEBROCHEN – WENIG ZU FEIERN 

Mit der Verarbeitung von 10.000 Tonnen Trauben in der Saison macht der Großwinzer Koblewo rund 15 Prozent der gesamten Weinproduktion der Ukraine aus. Das Unternehmen mitten im Herzen des Weinanbaugebiets exportierte vor dem Krieg in 14 Länder. Doch diese für das Geschäft wichtigen Ausfuhren gingen mit der Blockade der Schwarzmeer-Häfen deutlich zurück. Die gesamte Branche wurde auch von einem Verkaufsverbot für Alkohol in den ersten zwei Monaten des Krieges getroffen. Laut Koblewo ist der Weinkonsum in der Ukraine inzwischen im Vergleich zu Vorkriegszeiten um ein Fünftel eingebrochen. Bei Sekt gingen die Verkäufe demnach sogar um die Hälfe zurück, Partys und Grund zu feiern gibt es schließlich kaum noch.

Ewgenij Safonow hat in seiner Bar in der Stadt Charkiw im Osten des Landes nur ukrainische Tropfen ausgeschenkt – bis die Bar zerschossen wurde. Trotz seiner Vorliebe für heimische Weine zweifelt Safonow daran, dass die ukrainische Weinindustrie von kriegsbedingter Solidarität profitieren könnte. Die Weine seien international praktisch unbekannt, sagt er. Und viele Ukrainer würden Bier oder Wodka vorziehen. Dennoch zeigt sich auch Safonow optimistisch: „Geben Sie uns zehn Jahre nach dem Krieg, und wir können dem Weinmarkt zeigen, dass wir existieren.“

Auch Bio-Weinbäuerin Ljubow Pleschka will durchhalten, obwohl sie ihr kleines Weingut ein paar Kilometer vom Branchenriesen Koblewo inzwischen praktisch allein bewirtschaftet. Gegründet hat sie es 2017 mit ihrem Sohn, der jetzt an der Front ist. Sie bete für Frieden in der Ukraine und sei dankbar, dass noch keine Rakete in ihrem Haus eingeschlagen sei. Das Leben bestehe vor allem aus harter Arbeit, sagt sie. „Aber wenn man mit seiner Seele dabei ist, läuft die Arbeit und es gibt Hoffnung für morgen.“

Winzerin Tatyna Matwejewa, die beim Großbetrieb Koblewo arbeitet, sieht es ähnlich und beschreibt den von ihr gekelterten Wein als ein Zeichen der Liebe für ihr Land. Es gelte in jeder Situation weiterzuleben und jede Sekunde wertzuschätzen, sagt die Frau, die eine Bluse mit traditioneller Stickerei trägt. „Darum machen wir unseren Wein, damit er schmeckt und den Menschen hilft, weiterzuleben, sie daran zu erinnern, dass das Leben nicht zu Ende ist.“

„Wein für den Sieg“ – Winzer in der Ukraine trotzen dem Krieg

Quelle: Reuters

Titelfoto: Symbolfoto

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