Samstag, Dezember 9, 2023
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Interview: Straffungskurs beginnt laut EZB-Chefvolkswirt zu wirken

Frankfurt, 28. Feb – Nach dem massiven Teuerungsschub im vergangenen Jahr beginnt der Inflationsdruck in der Euro-Zone laut EZB-Chefvolkswirt Philip Lane langsam nachzulassen. Die kräftigen Zinsanhebungen der Europäischen Zentralbank (EZB) entfalteten allmählich ihre Wirkung, sagte Lane in einem am Dienstag veröffentlichten Interview der Nachrichtenagentur Reuters. „Für Energie, Lebensmittel und Waren gibt es viele vorausschauende Indikatoren, die anzeigen, dass der Inflationsdruck in all diesen Kategorien ziemlich deutlich zurückgehen dürfte“, führte er aus. „Wir haben auch die Bestätigung erhalten, dass unsere Geldpolitik wirkt.“ 

Die EZB vollzog im Kampf gegen die hohe Inflation im Juli 2022 die Zinswende und hat seitdem die Schlüsselsätze im rasanten Tempo bereits fünf Mal um insgesamt 3,0 Prozentpunkte angehoben. Der an den Finanzmärkten maßgebliche Einlagensatz, den Geldhäuser für das Parken überschüssiger Gelder von der Notenbank erhalten, liegt inzwischen bei 2,50 Prozent. Für die nächste Zinssitzung im März hat EZB-Präsidentin Christine Lagarde bereits eine weitere Anhebung um 0,50 Prozentpunkte in Aussicht gestellt.

Lane zufolge wird die preisdämpfende Wirkung des Straffungskurses mit der Zeit stärker. „Jeden Monat, jedes Quartal werden mehr und mehr Menschen mit dem neuen Zinsumfeld konfrontiert und so nimmt die Wirkung der Geldpolitik zu“, sagte Lane. Bislang sei nur eine Minderheit an Unternehmen und Haushalten den Zinserhöhungen voll ausgesetzt. „Deshalb wird die zweite Hälfte dieses Jahres sehr wichtig sein, denn dann wird es ein ganzes Jahr her sein, seit wir mit den Zinserhöhungen begannen“, führte er aus. Die EZB strebt zwei Prozent Inflation für die Euro-Zone an – davon ist sie aber noch weit entfernt.

Lane zufolge wird die EZB erst dann von ihrem Straffungskurs abrücken, wenn sie zuversichtlich ist, dass die Inflation zur Notenbankzielmarke von zwei Prozent zurückkehren wird. Der Chefökonom nannte drei Kriterien, die erfüllt sein müssten, damit die Notenbank ihre Zinserhöhungen beenden werde. „Ein Element sind unsere Inflationsprojektionen, und hier meine ich den ganzen Pfad, nicht nur den Endpunkt“, sagte er. Dazu müssten Fortschritte bei der Senkung der Kerninflation, in der die schwankungsreichen Energie- und Lebensmittelpreise herausgerechnet sind, in den Daten zu sehen sein. Und es müsse drittens bewertet werden, wie kraftvoll und schnell der Straffungskurs der Notenbank wirke.

ZINS-PLATEAU FÜR EINIGE ZEIT HALTEN

Die EZB habe vor, sobald die Zinsen ein Plateau erreicht haben, die Sätze dort erst einmal für eine gewisse Zeit zu belassen, sagte Lane. Aus seiner Sicht könnten sie für eine Reihe von Quartalen auf einem sogenannten restriktiven Niveau gehalten werden. Darunter verstehen Volkswirte ein Zinsniveau, das die Wirtschaft bremst. Am Finanzmarkt wird derzeit darauf gesetzt, dass die EZB den Einlagensatz bis zum Jahresende noch bis auf fast 4,0 Prozent anheben könnte. Dahinter stehen unter anderem Befürchtungen, dass die Kerninflation noch längere Zeit auf einem zu hohen Niveau verharren könnte. Im Januar war dieses Inflationsmaß sogar auf 5,3 Prozent gestiegen nach 5,2 Prozent im Dezember, während die allgemeine Teuerungsrate im Euro-Raum auf 8,6 Prozent von 9,2 Prozent im Dezember gesunken war.

Lane zufolge sind es nicht nur die Energiepreise, die hinter dem jüngsten Rückgang der Teuerungsrate stehen. Dabei verwies er auf positive Entwicklungen in frühen Stufen der Preisbildung. Auch lasse der Preisdruck bei Dienstleistungen nach. So könnten beispielsweise Fluggesellschaften inzwischen wieder besser Kapazitäten planen. „Somit sollte der angebotsseitige Bestandteil der Inflation bei Dienstleistungen schwächer werden,“ erläuterte er. Ein wichtiges Thema sei aber die Entwicklung der Löhne, die es zu beobachten gelte. Denn viele Dienstleistungen seien sehr arbeitsintensiv. 

Die EZB wird zu ihrer nächsten Zinssitzung am 16. März neue Inflations- und Konjunkturprognosen veröffentlichen. Lane deutete an, dass die Inflationsprojektionen dann womöglich etwas niedriger ausfallen könnten. Dabei verwies er auf sinkende Öl- und Gaspreise, das Abklingen von Lieferengpässen sowie auf die Wiederöffnung der chinesischen Wirtschaft. Auch die Zinserhöhungen der EZB müssten neu einberechnet werden. Die Straffung sei deutlich stärker ausgefallen als in der Dezember-Prognose enthalten gewesen sei. An der in Aussicht gestellten Zinserhöhung um 0,50 Prozentpunkte im März hat Lane keinen Zweifel. Die Argumente für einen solchen Schritt sind aus seiner Sicht weiterhin solide.

Interview: Straffungskurs beginnt laut EZB-Chefvolkswirt zu wirken

Quelle: Reuters

Symbolfoto: Bild von Alexander Jungmann auf Pixabay

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