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Sonntag, Januar 29, 2023

Hörfit = aktiv im Jahr 2023

Expertenmeinungen

Mit dem Headset durch die Büroflure, Pegel im Großraumbüro, mehrere Gesprächspartner im Video- oder Präsenzmeeting. Unser Gehör leistet Höchstarbeit. Gleichzeitig ist alles, was für gutes Hören wichtig ist – Konzentration, Aufmerksamkeit und Merkfähigkeit – entscheidend für unsere geistige Fitness und damit unsere Leistungsfähigkeit. Ein gutes Gehör bildet die Basis, um im Business (und in der Gesellschaft) aktiv zu sein. Selbst das Risiko eines Tinnitus oder einer Demenzerkrankung wird durch gutes Hörvermögen nachweislich gesenkt.

Vom Ohr …

Grob gesprochen sind die Ohren für das Aufnehmen und Weiterleiten des Schalls zuständig, das Verstehen ist Aufgabe des Gehirns. Für seine Aufgaben besteht das Ohr aus Außenohr, Mittelohr und Innenohr. Die akustischen Signale werden vom Außenohr – der Ohrmuschel – aufgenommen und an das Mittelohr weitergeleitet. Dort findet über das Trommelfell eine Verstärkung statt und die Schallwellen werden in mechanische Reize umgewandelt. Mit Hammer, Amboss und Steigbügel folgen nach dem Trommelfell die kleinsten Knochen des Menschen.

Der Hammer nimmt die Schwingungen des Trommelfells auf, setzt damit über den Amboss den Steigbügel in Bewegung. Mit der Gehörschnecke, einem spiralig gewundenen und mit einer wässrigen Flüssigkeit gefüllten Knochenraum, im Innenohr verbunden, presst der Steigbügel die Flüssigkeit zusammen. Es entsteht eine Wanderwelle, welche wiederum Reize auf die sich in der Gehörschnecke befindenden Haarzellen ausübt. Die an den Haarzellen anfallenden Reize werden in Nervenimpulse umgewandelt und an das Gehirn weitergeleitet. 

… zum Gehirn

Unser Gehirn besitzt die Fähigkeit, Informationen zu sortieren und zu filtern. Der Thalamus ist als Gehirnregion die Sammelstelle für Sinneseindrücke: Er wird deshalb gerne als „das Tor zum Bewusstsein“ bezeichnet. Auch Hörinformationen werden gefiltert: Die im Innenohr umgewandelten Nervenimpulse treffen dafür auf den Hörfilter, welcher wichtige von unwichtigen Signalen trennt und so überhaupt das Verstehen als Grundlage guten Hörens ermöglicht. Erst dadurch können wir – vor allem in geräuschvollen Umgebungen, wie einem impulsiven Kreativmeeting, im Messetrubel oder im belebten Großraumbüro – entspannt Gesprächen folgen und empfinden die Fülle der Geräusche nicht als Lärm oder Überlastung.

Von den auf das Außenohr treffenden Signale werden rund 70 Prozent ausgefiltert, nur 30 Prozent der Hörinformationen erreichen die bewusste Hörverarbeitung. Das ermöglicht das sogenannte selektive Hören, selbst in geräuschvollen Umgebungen: Mit einem intakten Hörfilter können problemlos Unterhaltungen geführt werden, auch wenn es um uns herum sehr belebt zugeht. Gleichzeitig schützt die Filterfunktion auch vor zu viel akustischem Input, der einer Reizüberflutung gleichkäme.

Hören verlernen: Frust statt Lust am Austausch mit Kollegen und Co.

Bei einer Hörminderung leiden die Hörfilter und werden zurückgebildet. Das Gehirn versucht dann, das Defizit der Ohren zu kompensieren, indem einfach alles Gehörte weitergeleitet wird, ohne zu unterscheiden was wichtig oder unwichtig ist. Betroffene haben deshalb primär Probleme mit dem Verstehen in geräuschvoller Umgebung. Aus dem kreativen Zusammensein oder dem bunten Treiben am Messestand wird schnell mehr Frust als Lust. Hat das Gehirn als verarbeitender Teil unseres Gehörs also seit längerem keine einwandfreien Signale mehr von den Ohren bekommen, hat es neben der reduzierten Filterung verlernt, wie verschiedene Geräusche klingen. Man spricht dann von einer sogenannten Hörentwöhnung.

Hintergrund: „Muskel“ Gehör

Das Gehör verhält sich letztlich nicht anders als die Muskulatur. Muskulatur, die nicht genutzt wird, wird aus ökonomischen Gründen rückgebildet. Ein Hörverlust bedeutet nicht nur Schädigungen im Ohr, sondern auch in den hörverarbeitenden Bereichen im Gehirn. Diese bauen, weil sie nicht mehr genutzt werden, wie ein Muskel über die Zeit des Hörverlustes ab, werden schlapp. Ein schlapp gewordener Muskel kann mit Fitnesstraining oder einer Reha wiederaufgebaut werden. Genauso funktioniert das auch mit der „schlappen“ Hörverarbeitung: Eine gezielte Gehörtherapie hilft, die betroffenen Areale wieder zu reaktivieren.

Was tun? Hörschäden behandeln

Eine gezielte Gehörtherapie trainiert und reaktiviert die Hörfilter, wirkt der Hörentwöhnung gezielt entgegen. Erfahrungen aus der Praxis zeigen, dass sich das Üben in Sachen Gehör bereits nach wenigen Tagen bemerkbar macht und wichtige Töne wieder wesentlich besser von den für die jeweilige Situation unwichtigen Geräuschen getrennt werden. Abhängig vom Schweregrad des Hörverlustes, der Hörentwöhnung und der aktiven Mitarbeit des Betroffenen gelingt es mit einem Hörtraining, innerhalb von zwei bis drei Wochen das Hören und das damit verbundene Sprachverstehen deutlich zu verbessern – sowohl in ruhiger als auch in geräuschvoller Umgebung. Ein individuelles Gehörtraining hilft dabei, Hörschäden gezielt zu behandeln sowie die eigene natürliche Hörleistung zu verbessern.

Mehr Hör- und Hirngesundheit für mehr Aktivität

Sinnbildlich denken wir immer zuerst an unsere Ohren. Dabei findet Hören in seiner Ganzheit eben nicht nur im Ohr, sondern auch im Gehirn statt. Daher wirkt ein Hörtraining auch auf die kognitive Leistungsfähigkeit ein. Die gesunde neuronale Vernetzung in den entsprechenden Hirnbereichen fördert außerdem sprachliche und auditive ebenso wie motorische Sicherheit im Alltag. Ein gutes Gehör ist also nicht nur nice-to-have. Es bildet vielmehr die Basis, um im Business und in der Freizeit aktiv zu sein.

Autor:

Kevin Oppel lebt seit fast 20 Jahren den praktischen und wissenschaftlichen Austausch zum Thema Hören, Tinnitus und ganzheitlicher Gehörrehabilitation. Sein Credo: „Zeit für Hörgesundheit!“ Sein Weg dorthin: Methodische Herangehensweise und jede Menge Erfahrungen aus der Praxis. https://www.terzo-institut.de

Titelfoto: Bild von  Gerd Altmann auf Pixabay

Aussagen des Autors und des Interviewpartners geben nicht unbedingt die Meinung der Redaktion und des Verlags wieder

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