„Es wäre ganz einfach“ – Viele afghanische Ortskräfte warten noch immer

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Berlin, 23. Feb (Reuters) – Irgendwo in Kabul sitzt Ahmad – knapp 6700 Kilometer von Berlin entfernt – glatt rasiert, gekleidet in ein frisch gebügeltes blütenweißes Hemd und einen knallroten Blouson. Der Mann ist verheiratet, seine Frau und er haben zwei Mädchen im Alter von drei und fünf Jahren. Er hat für die Bundeswehr mehr als fünf Jahre lang als Dolmetscher gearbeitet.

Und er hat es bislang nicht geschafft, nach dem Fall von Kabul im August 2021 aus Afghanistan zu fliehen. „Die Taliban haben uns alles genommen“, sagt der 30-Jährige der Nachrichtenagentur Reuters in einem Skype-Interview. „Es ist nichts mehr so geblieben, wie es einmal war.“

Seinen letzten Kontakt zum Bundesverteidigungsministerium hatte er nach eigener Aussage im November vergangenen Jahres. „Wir holen Sie raus“, habe ein Kontaktmann gesagt, erinnert sich Ahmad, der seinen richtigen Namen nicht nennen will. Seitdem ist nicht viel geschehen. „Wir brauchen einen Pass“, sagt er. Dafür werden in der Regel rund 1000 Dollar pro Person fällig.

Das Dokument würde ihm und seiner Familie den Weg ebnen – heraus aus dem Land, in dem die westliche Welt nach den Anschlägen vom 11. September 2001 über 20 Jahre lang versucht hatte, eine Demokratie aufzubauen. 

„Es wäre ganz einfach“, sagt Marcus Grotian. Der 44-jährige Offizier der Bundeswehr engagiert sich in seinem Patenschaftsnetzwerk Afghanische Ortskräfte seit langem für die ehemaligen Helfer der Bundeswehr, für Menschen wie Ahmad. Etwa 300 haben sie mit ihren Kontakten in Afghanistan und Spendengeldern bereits herausgeholt. Jetzt aber wird das Geld knapp, staatliche Unterstützung hat die Organisation bislang nicht erhalten. „Wir müssen dringend handeln“, sagt Grotian.

Es gebe Berichte von Steinigungen, „das ist alles kein gutes Zeichen, die Leute leben in Verstecken, schon seit langem“, berichtet er und betont: „Mit 1400 Dollar pro Person bringen wir die Menschen in Sicherheit, innerhalb von zwei Wochen sind die dann hier in Deutschland.“

Ein Sprecher des Auswärtigen Amts räumte unlängst ein: „Sind wir zufrieden, mit dem Tempo, mit dem Menschen aus Afghanistan in Sicherheit gebracht werden können? Nein, natürlich nicht. Uns wäre es natürlich am liebsten, wenn die Menschen alle schon in Sicherheit wären.“

Seit der Machtübernahme der Taliban seien etwa 11.700 Visa für afghanische Ortskräfte und andere besonders gefährdete Menschen ausgestellt worden, die Zahl der zugesagten Aufnahmen sei um ein Vielfaches höher. Aber Deutschland habe keine Vertretung in Afghanistan, Linienflüge gebe es nicht. Stattdessen müssten die Menschen zunächst in ein Nachbarland gebracht werden. „All das muss jetzt mühselig, mit einer eigens dafür geschaffenen Infrastruktur ermöglicht werden“, sagte der Sprecher. „Wir haben dafür mit ziemlich hohem Aufwand eine Infrastruktur geschaffen, die das ermöglicht.“ 

„IMMER ALS VERRÄTER GESEHEN“ 

Grotian betont: „Wir alleine könnten in kurzer Zeit tausende Menschen da rausholen, wenn man uns ein bisschen Geld dafür gibt.“ Dazu seien nun „erste Gespräche“ mit der Bundesregierung in Gange. Er schätzt, dass etwa noch 12.000 Menschen in Afghanistan berechtigt wären, nach Deutschland zu kommen.

Dabei handelt es sich nicht nur um ehemalige Ortskräfte und deren Kernfamilie, sondern auch um Menschen, die für die Zivilgesellschaft eintreten, also etwa Frauenrechtlerinnen, Menschenrechtler, Journalisten und Juristen. Größtes Problem vor Ort sind gültige Papiere, mit denen die Betroffenen außer Landes gebracht werden können.

„Ohne einen Reisepass ist es unmöglich, das Land zu verlassen“, sagt Qais N., der als Sozialarbeiter für das Patenschaftsnetzwerk arbeitet. „In Afghanistan ist das so, wenn man Geld hat, wird man gerettet, wenn nicht, dann nicht.“

Der 29 Jahre alte Qais hat selbst für die Bundeswehr als Ortskraft gearbeitet. Er kam bereits 2015 nach Deutschland, hat hier sein Abitur mit Einser-Durchschnitt gemacht und studiert Sozialarbeit. Qais hält für das Patenschaftsnetzwerk Kontakt zu Menschen wie Ahmad. Auch Mohammadi, 32 Jahre alt, schaffe es mit Hilfe von Qais und dem Netzwerk im Oktober schließlich nach Deutschland. 

Mohammadi arbeitete von 2010 bis zum Ende des Einsatzes 2021 als Dolmetscher für die Bundeswehr – anfangs bei der Ausbildung afghanischer Streitkräfte. Später wurde er als Ingenieur für andere Aufgaben verpflichtet. „Es war gefährlich für uns“, erzählt er.

„Die Taliban haben uns immer als Verräter gesehen, die für die ausländischen Truppen spionieren.“ Stationiert war er in Masar-i-Scharif im Norden Afghanistans, wo die Bundeswehr operierte. Kurz bevor die Stadt an die Taliban fiel, schaffte Mohammadi die Flucht in die Hauptstadt. „Wir dachten, dass Kabul nicht an die Feinde fallen würde.“ Doch es kam anders. 

„EINE TIEFE DANKBARKEIT“

Im August 2021 scheiterte Mohammadi in der chaotischen Lage am Kabuler Flughafen bei mehreren Versuchen, mit seiner Frau und den heute fünf, drei und ein Jahr alten Kindern an Bord eines der Evakuierungsflugzeuge zu kommen – obwohl er und seine Familie bereits ein Visum für Deutschland hatten. Einmal habe sein Kontakt im Berliner Verteidigungsministerium morgens um 03.00 Uhr angerufen und ihn aufgefordert, sofort zum Flughafen zu kommen – aber vergeblich: Vor Ort sei es ihm wieder nicht gelungen, in den Airport zu gelangen.

„Ich hörte, dass die Taliban nach den Ortskräften suchen“, erzählt er. „Ich hatte Angst.“ Dann habe er im Oktober vergangenen Jahres den Kontakt zum Patenschaftsnetzwerk erhalten, das alle Kosten übernommen und ihn und seine Familie über den Iran nach Deutschland gebracht habe. Er empfinde „eine tiefe Dankbarkeit“, sagt Mohammadi. 

Auch Ahmad in Kabul ist dankbar, dankbar zumindest dafür, dass sich in Deutschland Leute für ihn und seine Familie einsetzen. Ihm bleibt nichts anderes übrig als zu warten – bis die Bundesregierung ihn herausholt oder bis das Patenschaftsnetzwerk das Geld für ihn bereitstellen kann. Bis dahin muss er sich mit seiner Familie verstecken. Versorgt mit dem Lebensnotwendigen werden sie von Freunden und Verwandten. „Wenn die Taliban herausfinden, dass ich für ISAF gearbeitet habe, wird das das Ende meines Lebens sein“, ist sich Ahmad sicher.

„Es wäre ganz einfach“ – Viele afghanische Ortskräfte warten noch immer

Copyright: (c) Copyright Thomson Reuters 2022

Titelfoto: Symbolfoto

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