Samstag, Juli 13, 2024
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Die Zukunft der Finanzwelt ist dezentral und multichain

Das Finanzsystem befindet sich in einem kontinuierlichen Wandel. Vor allem bewegt es sich weg von der früher so typischen Zentralisierung. In diesem spannenden Transformationsprozess spielt die dezentrale Finanzwirtschaft (DeFi) eine entscheidende Rolle. Dabei ist die Ethereum-Blockchain entgegen den Erwartungen vieler Experten nicht alleiniger Hauptakteur. Stattdessen entfaltet sich das eigentliche Geschehen über mehrere Blockchains hinweg, also “Multichain“. Einer Studie des Vermögensverwalters Bernstein zufolge werden sich Innovationen im Finanzwesen in Zukunft immer weniger auf die traditionellen Banken stützen:

Die Bernstein-Experten sind der Ansicht, dass das Ethereum-Ökosystem künftig für neuen Wohlstand und Innovationen bei Finanzdienstleistungen sorgen wird. Ihren Schätzungen zufolge wird das Gesamtvermögen in DeFi-Protokollen bis 2028 eine Billion Dollar erreichen, und  die Zukunft des Finanzwesens wird auf Layer-2-Netzwerken, die auf Ethereum oder anderen Blockchains aufbauen und Transaktionen skalierbarer machen. Interessant ist Bernsteins Annahme, dass die Struktur des DeFi-Marktes nicht länger von einer dominierenden Blockchain beherrscht wird, sondern von einem vielfältigen Netzwerk aus verschiedenen Blockchains. Die Idee von Finanzdienstleistungen, die mehrere Blockchains verwenden, ist zwar nicht neu, wurde bislang jedoch eher als Zukunftsmusik abgetan. Dabei ist die Multichain-Welt längst Realität. 

Wir erleben einen Blockchain-Boom

Schon heute geht der Trend zur Multichain, und die nächste Generation von DeFi-Innovationen entsteht bereits auf verschiedenen Blockchains. Werfen wir einen Blick auf in die Zahlen: Ethereum dominierte einst das TVL der Kryptowelt (das Kürzel steht für “Total Value Locked”, übersetzt in etwa mit “festgelegtes Kapital”), aber sein Anteil ist von etwa 96% im Jahr 2021 auf etwa 70% heute gesunken. Im April 2022 fiel er sogar auf unter 50%, stieg aber nach dem Zusammenbruch von Terra wieder an.

Andere Layer-1-EVM-Blockchains wie Polygon, Avalanche, Fantom, Tron und BNB Chain machen inzwischen etwa 17 % der TVL aus. EVM steht für die Ethereum Virtual Machine, die die Durchführung von Smart Contracts überhaupt erst möglich macht und alle Transaktionen auf der Ethereum Blockchain bearbeitet. Die genannten Layer-1-EVM-Blockchains zeichnen sich dadurch aus, dass sie zwar eigenständige Blockchains, aber mit der EVM kompatibel sind. Diese Chains erhielten vor ein paar Jahren wenig Aufmerksamkeit, haben aber schnell an Bekanntheit gewonnen und bauen diese weiter aus. 

Rollups wie Arbitrum und Optimism, die Transaktionen bündeln und über die Ethereum-Chain abwickeln und damit besser skalierbar machen, machen über 5 % der TVL aus und haben eine erhebliche Entwicklungsaktivität erlebt. Rollups verfolgen die Idee, die Ausführung und Langzeitspeicherung von Transaktionen voneinander zu trennen. So wird Ethereum langfristig als Settlement-Layer betrachtet, während die Ausführung der Transaktion selbst auf Rollups (aktuell noch zentralisierte Instanzen) stattgefunden hat. 

Diese Statistiken unterstützen die Idee, Ethereum durch Rollups zu skalieren, und es ist davon auszugehen, dass ihr Wachstum gerade erst begonnen hat. Die genannten Ökosysteme sind wahre Innovationstreiber, und ich bin zuversichtlich, dass Rollups wie Optimism und Arbitrum innerhalb der nächsten fünf Jahre Milliarden von Nutzern in DeFi einbinden werden.

Chains wie Solana, Cosmos, Bitcoin, Polkadot Parachains und Cardano machen etwa zehn Prozent des verbleibenden TVL in DeFi-Projekten aus. Die Herausforderung bei diesen Chains besteht aktuell noch in ihren Interoperabilitätsproblemen, dass sie also noch nicht ausreichend miteinander agieren und z. B. reibungslos untereinander Daten oder Vermögenswerte austauschen können. Gelingt es, diese zu  überwinden, werden sie weiter wachsen und Akzeptanz gewinnen. Im Interoperabilitäts- & Infrastrukturbereich befinden sich jedoch bereits Milliarden an verteiltem Risikokapital, um diese Probleme zu lösen.

Abgesehen von “Mainstream”-Chains wie Ethereum und Bitcoin, haben EVM kompatible Chains wie Polygon und BSC eine hohe Nachfrage erhalten – diese sind wesentlich weniger dezentral und konnten so niedrigere Transaktionskosten anbieten. Heute richtet sich die Nachfrage immer mehr Richtung Layer 2 und Layer 3 Lösungen, sowie Zero-Knowledge Blockchains, welche extrem schnell und günstig sind. Diese Nachfrage spiegelt sich in ihren Kennzahlen wie den täglich aktiven Nutzern wider.

Diese Chains können große Transaktionsvolumina zu geringen Kosten und mit hoher Geschwindigkeit abwickeln, was sie für Privatanwender attraktiv macht. Auch für Anbieter von Finanzdienstleistungen werden sie immer interessanter, und der Einfluss von Ethereum nimmt hier ab. Diese Dienstleistungen umfassen dezentrale Börsen, Yield-Farming-Plattformen oder Kreditplattformen. Beispielsweise expandieren beliebte DeFi-Projekte wie Uniswap, Aave, Yearn Finance und Lido, die ursprünglich auf Ethereum gestartet wurden, nun auf mehrere unterschiedliche Chains. Die Expansion ermöglicht es ihnen, von den geringeren Transaktionskosten auf diesen Chains und von der wachsenden Nutzerbasis und Liquidität in diesen Ökosystemen zu profitieren. 

Ein weiteres Beispiel ist Arbitrum, das mittlerweile zu einem Zentrum für Derivateplattformen wie GMX, MUX Protocol und Gains Network sowie für Optionsprotokolle wie Lyra geworden ist. Ähnlich haben Plattformen wie Synthetix, ein Derivate-Liquiditätsanbieter, zum Optimism-Ökosystem gewechselt und dort ein blühendes Ökosystem von Produkten und Projekten (wie DApps oder Token Wallets) aufgebaut. Durch Optimism können sie ihre Produkte und Dienstleistungen skalieren und nutzen trotzdem die Vorteile der Ethereum-Blockchain. 

Zusätzlich bieten Chains wie Avalanche spezielle Infrastrukturen (Layer 3 genannt) unter verschiedenen Namen an wie u.a. “Subnets”, “Layer 3” und “Supernets, die es traditionellen Finanzteams ermöglichen, erste Schritte im Krypto-Space zu machen, indem sie ihre eigenen Blockchains für ihre Produkte erstellen. Obwohl Ethereum immer noch eine dominierende Position einnimmt, beobachten wir aktiv eine Migration und Ausweitung von Anwendungen auf verschiedene Chains innerhalb des breiter werdenden Krypto-Ökosystems.

Das Aufkommen neuer Chains zieht völlig unterschiedliche Nutzergruppen an und steigert damit die Popularität von DeFi. Einen vergleichbaren Effekt konnten wir beim Aufkommen von NFTs beobachten, als sich plötzlich Millionen neuer Nutzer für die Kryptowelt begeisterten. 

Ähnliches spielt sich jetzt zum Beispiel in Bereichen wie Derivaten, Blockchain-Gaming und bei automatisierten Investmentplattformen ab. Sogar Unternehmen wie Starbucks und Disney interessieren sich für Kryptowährungen und bieten ihren Nutzern Web3-Anwendungen an. So hat sich Starbucks beispielsweise mit Polygon zusammengetan, um seinen Treueprogrammmitgliedern in den USA zu ermöglichen, digitale Sammelmarken in Form von NFTs zu verdienen und zu kaufen. 

Im Ergebnis werden diese Initiativen und Anwendungsfälle eine neue Welle von Nutzern anziehen, die jenseits traditioneller Finanzdienstleistungen mit Kryptowährungen und DeFi interagieren möchten. Diese Vielfalt an Nutzerprofilen und Interessen wird zum Wachstum und zur Adoption der Blockchain-Technologie und von DeFi beitragen.

Warum Anbieter traditioneller Finanzdienstleistungen den Multichain-Trend nicht verpassen sollten

Wie wir also sehen, expandiert die Kryptowelt rasant und bietet immer schnellere und kostengünstigere Transaktionsmethoden. Neben den weiter oben beschriebenen Rollups und Layer-2-Netzwerken, die auf Ethereum aufsetzen und Transaktionen erleichtern, wird mittlerweile auch schon an Layer-3-Blockchains und anderen Chains gearbeitet. Diese Layer-2- und künftig auch Layer-3-Lösungen bieten große Vorteile, wie die massive Reduzierung der Transaktionskosten gegenüber dem Ethereum-Netzwerk, wodurch die Gebühren verglichen mit Ethereum auf ein Hundertstel des Preises reduziert werden können und ziehen so immer mehr Nutzer an.

Ein Trend also, der zusammen mit der beeindruckenden Entwicklung im Bereich des Zero-Knowledge-Ökosystems ganz klar die Richtung aufzeigt: Multichain ist keine Theorie mehr, sondern Realität. Wenn Anbieter herkömmlicher Finanzdienstleistungen nicht auf der Strecke bleiben wollen, sollten sie sich dieser Realität stellen und sie für sich nutzen – sonst laufen sie Gefahr, auf der Strecke zu bleiben. 

Über den Autor:

Philipp Zentner ist CEO und Co-Gründer von LI.FI. Das Startup ermöglicht es, Kryptowährungen per Knopfdruck auf andere Blockchains zu übertragen. So sollen mithilfe sogenannter Bridges und DEX-Anbindungen sogar Banken dazu befähigt werden, Kryptowährungen zu handeln. 

Titelfoto: Fotocredit Philipp Zentner

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