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Deutsches Geschäftsklima immer trüber – Zeichen stehen auf Rezession

Berlin/Frankfurt, 25. Okt – Angesichts der Energiekrise und anhaltend hoher Inflation steuert Deutschland in die Rezession. Der als verlässliches Konjunkturbarometer geltende Ifo-Geschäftsklimaindex fiel im Oktober erneut – und zwar um 0,1 Zähler auf 84,3 Punkte.

Wie die Münchner Forscher am Dienstag zu ihrer Umfrage im deutschen Management weiter mitteilten, beurteilten die Führungskräfte die Geschäftslage schlechter, die Aussichten jedoch weniger düster als zuletzt. Doch ist dies kein Grund zur Entwarnung – im Gegenteil: Der Einzelhandel befürchtet, dass Kunden wegen hoher Preise wegbleiben. Und dem einst boomenden Bau brechen die Aufträge weg. „Die Winter-Rezession kommt“, warnte Ifo-Experte Klaus Wohlrabe im Reuters-Interview. 

Das sieht auch Commerzbank-Chefökonom Jörg Krämer ähnlich: „Das Geschäftsklima befindet sich weiter auf Niveaus, bei denen die deutsche Wirtschaft in der Vergangenheit geschrumpft war.“ Somit stehen die Zeichen auf Rezession – also einem deutlichen, breit angelegten und länger andauernden Rückgang der Wirtschaftsleistung. Das Ifo erwartet im laufenden vierten Quartal ein Schrumpfen des Bruttoinlandsproduktes (BIP) von 0,6 Prozent zum Vorquartal.

SORGENKIND EINZELHANDEL

Knapp zwei Drittel der Unternehmen litten nach wie vor unter Lieferengpässen. „Sorgenkind bleibt der Einzelhandel“, sagte Wohlrabe zur Umfrage seines Instituts unter 9000 Führungskräften von Unternehmen des Verarbeitenden Gewerbes, des Dienstleistungssektors, des Handels und des Bauhauptgewerbes. Im Einzelhandel seien die Erwartungen abermals auf ein Rekordtief gefallen: „Da ist die Sorge groß, dass die Kunden zu Hause bleiben wegen der Inflation“, sagte der Experte. Die Teuerungsrate lag zuletzt bei zehn Prozent, was an der Kaufkraft der Verbraucher nagt. Angesichts der hohen Inflation können sie auch weniger Geld beiseitelegen. 

„BAUSEKTOR WIRD IN DIE ZANGE GENOMMEN“

Schlecht läuft es auch für den Bausektor. „Er ist von Stornierungen geplagt, daher verdüstert sich die Stimmung immer weiter.“ Zudem stiegen Kredit- und Materialkosten, so Wohlrabe. „Die Branche wird in die Zange genommen“, sagte Wohlrabe. Den Bauunternehmen brechen wegen steigender Materialkosten und höheren Zinsen die Aufträge weg. Das Neugeschäft im Bauhauptgewerbe fiel im August um 6,0 Prozent niedriger aus als im Vormonat, wie das Statistische Bundesamt mitteilte. 

Zudem kommen Firmen in Deutschland nicht mehr so leicht an Kredite. Wie eine Umfrage der Europäischen Zentralbank (EZB) zeigt, legten die Geldinstitute hierzulande im dritten Quartal strengere Vergaberichtlinien an. Und bei den privaten Wohnungsbaudarlehen erhöhten sich die Kreditrichtlinien zum zweiten Mal in Folge so stark wie noch nie seit Einführung der EZB-Umfrage im Jahr 2003. Auch die Richtlinien für Konsumenten- und sonstige Darlehen wurden beträchtlich restriktiver ausgestaltet. Die strengeren Vergabemaßstäbe begründeten die Banken in erster Linie mit einem ihrer Ansicht nach gestiegenen Kreditrisiko.

EZB VOR GROSSEM ZINSSCHRITT – TROTZ REZESSIONSSORGEN

Die EZB dürfte nach Ansicht von Commerzbank-Chefökonom Krämer auf die sich eintrübenden Konjunkturaussichten erst reagieren, wenn eine Rezession nach dem Jahresende in den harten volkswirtschaftlichen Daten des Euroraums sichtbar wird. „Bis dahin dürfte sie sich weiter auf die viel zu hohe Inflation konzentrieren und ihre Leitzinsen zügig anheben.“ Er erwartet für die Sitzung am Donnerstag und auch für die im Dezember weitere große Zinsschritte im Umfang von jeweils 0,75 Prozentpunkten. Mit einem raschen Abklingen des Preisauftriebs ist angesichts der Energiekrise infolge des anhaltenden Ukraine-Kriegs nicht zu rechnen. Bundesbank-Präsident Joachim Nagel hat sich auch deshalb für einen robusten Zinsschritt ausgesprochen. 

Die hohe Inflation und die Unsicherheit über die Energieversorgung lasten wie ein Stein auf der deutschen Konjunktur. Für die am Freitag anstehenden Daten zum Bruttoinlandsprodukt (BIP) im abgelaufenen Sommerquartal erwarten von Reuters befragte Experten einen Rückgang der Wirtschaftsleistung um 0,2 Prozent. Im Frühjahr war beim BIP nur ein Miniwachstum von 0,1 Prozent herausgesprungen.

„Die Unternehmen verharren im Depressionsmodus, die Energiekrise erstickt das Wirtschaftsleben“, so das Fazit von Alexander Krüger, Chefvolkswirt der Hauck Aufhäuser Lampe Privatbank AG. Die Bundesregierung hat allerdings einen Abwehrschirm aufgespannt, der die steigenden Energiekosten und deren Folgen für Verbraucher und Firmen abfedern soll. Er sieht unter anderem die Einführung einer Gaspreisbremse vor und umfasst Finanzmittel in Höhe von bis zu 200 Milliarden Euro. „Offenbar hat der 200 Milliarden-Wumms der Bundesregierung die Geschäftserwartungen der Unternehmen stabilisiert“, meint KfW-Chefvolkswirtin Fritzi Köhler-Geib. 

Deutsches Geschäftsklima immer trüber – Zeichen stehen auf Rezession

Quelle: Reuters

Titelfoto: Symbolfoto

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