Wie hohe Energiekosten den Aufschwung in der Euro-Zone gefährden

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Frankfurt/Berlin, 18. Jan (Reuters) – Als Christian Hurtz kurz vor Silvester seine Stromrechnung öffnet, fiel ihm die Kinnlade herunter: Sie hatte sich im Vergleich zum gebuchten Tarif mehr als verdreifacht. „Zuerst dachte ich, das sei der Betrag für drei Monate“, erzählt der 41-jährige Software-Entwickler aus Köln. Er hatte einen neuen Grundversorgungsvertrag erhalten, nachdem sein eigentlich gewählter Versorger die Lieferung eingestellt hatte.

„Das hat meine Weihnachtsferien ein bisschen verdorben.“ Hurtz ist einer von Millionen Europäern, deren Energiekosten explodiert sind, weil Anbieter ihre höheren Einkaufspreise an die Kunden weiterreichen oder gleich pleite gehen. Mehr Ausgaben für Heizung, Strom und Kraftstoffe belasten die Budgets vieler Haushalte – und dämpfen damit die Aussicht auf einen konsumgetriebenen Wirtschaftsboom in Europa.

Im Jahr 2020 gaben Haushalte in der Euro-Zone noch durchschnittlich 1200 Euro für Strom und Gas aus. Einer Studie der Bank of America (BofA) zufolge dürfte der Betrag in diesem Jahr auf 1850 Euro steigen.

Grund dafür sind auch geopolitische Spannungen, die die Erdgaspreise in die Höhe treiben. Das knappe Angebot an Energie aus erneuerbaren Quellen kann dies nicht ausgleichen. Hurtz und Hunderttausende anderer Kunden privater Energiefirmen, die im vergangenen Jahr ihre Geschäftstätigkeit oder die Versorgung eingestellt haben, mussten das Zwei- oder Dreifache der bisher vereinbarten Tarife zahlen. Allein in Deutschland gaben 39 Versorger auf.

Energiekosten

HOFFNUNG AUF VERBRAUCHERBOOM SCHWINDET

Dabei sollten in diesem Jahr die Verbraucherausgaben die Konjunktur nach zwei Jahren Corona-Krise mit Lockdowns ankurbeln. Die Europäische Zentralbank (EZB) sagte im Dezember für das Jahr 2022 ein Wachstum des Bruttoinlandsproduktes in der Euro-Zone von 4,2 Prozent voraus, angetrieben von einem Anstieg des privaten Konsums um 5,9 Prozent.

Aber höhere Energiekosten, die die Haushalte zu Hause und an der Zapfsäule spüren, setzen dahinter ein Fragezeichen. Energie macht normalerweise etwas mehr als sechs Prozent des privaten Verbrauchs in der Euro-Zone aus. Dieser Wert könnte nach Schätzungen der Analysten der Bank ING nun wegen der höheren Preise auf acht bis zehn Prozent steigen. Damit bliebe weniger Geld für andere Waren übrig – von Bekleidung bis Möbeln. „Dies stünde auch im Einklang mit früheren Phasen höherer Energiepreise, in denen fast alle Länder einen Rückgang anderer Ausgaben verzeichneten“, sagte ING-Ökonom Carsten Brzeski.

In Italien zum Beispiel werden die Gas- und Strompreise dem Beratungsunternehmen Nomisma Energia zufolge die Konsumausgaben der privaten Haushalte in diesem Jahr um 2,9 Prozent dämpfen. Das wiederum könnte das Bruttoinlandsprodukt der drittgrößten Volkswirtschaft der Euro-Zone um 1,1 Prozent drücken, sollten die Energiepreise weiterhin so hoch bleiben. „Der schwächelnde italienische Konsum war schon immer eines der Haupthindernisse für ein stärkeres Wirtschaftswachstum“, sagt Davide Tabarelli, Vorsitzender von Nomisma Energia.

DÄMPFER AUCH FÜR SPANIEN UND DEUTSCHLAND

Noch schlimmer ist das Bild in Spanien. Dort könnte der Wachstumseinbruch sogar bei 1,4 Prozent liegen, schätzen die Ökonomen der Bank BBVA. Sie stützen ihre Prognose auf Preise, die noch unter dem aktuellen Marktniveau liegen. „Wenn Preiserhöhungen auf eine höhere Nachfrage zurückzuführen sind, sind sie weniger schädlich“, sagt Miguel Cardoso von BBVA Research. „Die aktuelle Situation ist nicht so. Wir sehen einen negativen Angebotsschock.“

Auch in Deutschland dürfte die Kauflaune der Verbraucher leiden. Die Energiepreise lagen im Dezember mehr als 18 Prozent höher als ein Jahr zuvor. Die Konsumausgaben stagnierten 2021 auf dem niedrigen Niveau des ersten Corona-Krisenjahres. „Erst im zweiten Quartal werden die Konsumausgaben das Vorkrisenniveau wohl wieder überschreiten“, erwartet das Essener RWI-Institut. „Die schwache Konsumneigung liegt dabei auch an der anziehenden Teuerung.“ Das hohe Preisniveau drücke die real verfügbaren Einkommen und dürfte dazu beitragen, dass deutlich weniger größere Anschaffungen getätigt werden.

FRANKREICH DECKELT

Im benachbarten Frankreich sieht es etwas anders aus. Dort hat die Regierung von Präsident Emmanuel Macron, der sich im Mai um eine zweite Amtszeit bemüht, die Strompreiserhöhungen auf vier Prozent gedeckelt. Das brachte den heimischen Versorger EdF auf die Barrikaden. Auch andere Regierungen in der Euro-Zone ergreifen Maßnahmen, von der Senkung der Energiesteuern bis hin zu Subventionen für ärmere Haushalte. Diese werden den BofA-Schätzungen zufolge jedoch nur etwa ein Viertel des Anstiegs der Energierechnungen seit 2020 von 54 Prozent ausgleichen.

Geringverdiener werden vom kräftigen Anstieg der Kosten für Wohnenergie überproportional stark belastet. 2020 gaben Haushalte in Deutschland mit einem monatlichen Nettoeinkommen unter 1300 Euro im Schnitt 95 Euro für Wohnenergie aus. Das entspricht einem Anteil von 9,5 Prozent an den Konsumausgaben, wie das Statistische Bundesamt ermittelte. Haushalte der höchsten Einkommensklasse – also mit monatlich mindestens 5000 Euro – gaben zwar mit durchschnittlich 206 Euro deutlich mehr für Wohnenergie aus. Der Anteil an ihren privaten Konsumausgaben war mit 4,7 Prozent allerdings nicht einmal halb so hoch.

Einige Konsument haben bereits begonnen, den Gürtel enger zu schnallen – so auch der Kölner Christian Hurtz: „Irgendwann muss man sich fragen, ob man sich diesen Käse noch leisten kann oder lieber einen aus dem unteren Regal kaufen soll.“

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