Was der Renditeanstieg für Staat und Häuslebauer bedeutet

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Berlin, 19. Jan (Reuters) – Die Zeit der Minuszinsen geht vorbei: Anleger bekommen nach langer Pause wieder Geld für ihre Kredite an den deutschen Staat. Erstmals seit Anfang Mai 2019 stieg die Rendite der richtungweisenden zehnjährigen Bundesanleihe am Mittwoch über null Prozent. Nachlassende Pandemie- und Konjunktursorgen an den Finanzmärkten sowie die von der US-Notenbank Fed vorbereitete Zinswende gelten als Ursache dafür. Was das für den deutschen Staatshaushalt, Häuslebauer und Sparer bedeutet:

WARUM IST DIE ZEHNJÄHRIGE BUNDESANLEIHE SO WICHTIG?

Anleihen mit einer Laufzeit von zehn Jahren sind rund um den Globus zum wichtigen Orientierungspunkt institutioneller Anleger wie Fonds oder Versicherungen avanciert. Im Umlauf befinden sich derzeit zehnjährige Bundesanleihen im Wert von 573 Milliarden Euro. Diese sind „die wichtigste Anleihe, die der Bund begibt“, wie Ökonom Jens Boysen-Hogrefe vom Kieler Institut für Weltwirtschaft (IfW) erklärt.

WARUM SIND BUNDESANLEIHEN SO GEFRAGT?

Es sind zum einen regulatorische Vorschriften: Große Marktakteure müssen einen Teil der Kundengelder in als sicher geltende Anlagen investieren. Da die Bonität des Bundes von allen großen Ratingagenturen mit der Bestnote AAA bewertet wird, gilt es als extrem unwahrscheinlich, dass Investoren ihr Geld nicht vom Bund zurückbekommen. Gründe dafür sind vergleichsweise gesunde Staatsfinanzen mit einem niedrigen Schuldenstand, eine robuste Wirtschaft und die niedrige Arbeitslosigkeit. Entsprechend begehrt sind Bundeswertpapiere. Zum anderen gibt es einen enorm großen Markt für sie: Am Sekundärmarkt – etwa europäische Wertpapierbörsen, elektronische Handelsplattformen und außerbörslich – wird pro Jahr ein Volumen von mehreren Billionen Euro gehandelt. Investoren können die Papiere daher leicht zu Geld machen, was deren Attraktivität zusätzlich steigert.

BRINGT DER RENDITEANSTIEG DEN STAATSHAUSHALT IN SCHWIERIGKEITEN?

Auf kurze Sicht nicht, sind sich Experten einig. „Der Bundeshaushalt kann sich auch Zinsen leicht über Null problemlos leisten“, sagt etwa der Chefvolkswirt der Berenberg Bank, Holger Schmieding. „Real gerechnet, also nach Abzug der Inflation, bleiben die Finanzierungskosten so günstig, das kaum eine Investition oder kein Hauskauf am etwas weniger gedrückten Zinsniveau scheitern dürfte.“ Viele Experten sehen die Rendite der zehnjährigen Bundesanleihe bis Jahresende gerade einmal auf 0,2 Prozent klettern – auch, weil die Europäische Zentralbank (EZB) weiter Papiere kaufen will. „Die Wirtschaft erholt sich vom Corona-Schock, die Bundesregierung muss also weniger Schulden machen“, sagt der Rentenexperte von Union Investment, Christian Kopf. „Bunds bleiben damit knapp.“ Das wiederum begrenzt den Renditeanstieg.

UND AUF MITTLERE SICHT?

Hier sieht es schon etwas anders aus. Sollte die Renditen weiter nach oben klettern, dürfte die Defizitfinanzierung zunehmend problematisch werden. „Dies gilt dann nicht nur für den Bund, sondern für die öffentlichen Finanzen im gesamten Euroraum“, sagt IfW-Experte Boysen-Hogrefe. Viele Euro-Länder wie Italien sind stärker verschuldet als Deutschland und müssen eine Risikoprämie zahlen. So liegt die Rendite der italienischen Zehnjährigen mit 1,4 Prozent deutlich über der der deutschen, was Rom jährlich Milliarden kostet, während Berlin in den vergangenen Jahren dank Negativzinsen sogar am Schuldenmachen verdient hat.

WAS BEDEUTET DAS FÜR HÄUSLEBAUER?

Die Immobilienfinanzierung wird teurer, denn die Hypothekenzinsen orientieren sich an den zehnjährigen „Bunds“. Inzwischen dürften viele Immobilienkredite ausstehen, „die nur bei sehr niedrigen Zinsen funktionieren“, warnt IfW-Experte Boysen-Hogrefe. „Schon ein absolut kleiner Anstieg des Zinsniveaus kann deutlichen Stress bei der Anschlussfinanzierung bedeuten.“ Rechne sich ein Kreditvertrag bei einem Prozent, führe ein Anstieg der Zinsen auf zwei Prozent zu einer Verdoppelung der Zinslast. Die Immobilienpreise könnten dann eher wieder sinken. Sie sind in den vergangenen Jahren von niedrigeren Zinsen stark befeuert worden.

GIBT ES BALD WIEDER ORDENTLICH ZINSEN FÜR SPARGUTHABEN?

Dafür sehen Experten weiter schwarz. Die Verzinsung von Sparbüchern orientiert sich in der Regel am Interbankenzinssatz Euribor, der aktuell mit minus 0,56 Prozent weiter klar im negativen Bereich liegt. „Für Sparer wird sich wohl nichts verändern“, sagt der Chefökonom der Bank ING, Carsten Brzeski. Hauptgrund dafür: Die EZB will ihren Leitzins in diesem Jahr ungeachtet der hohen Inflation auf dem Rekordtief von null Prozent halten. „Eine Leitzinserhöhung sehe ich erst Anfang 2023“, sagt Brzeski. Erst wenn die Frankfurter Währungshüter wieder an der Zinsschraube drehen, könnten Sparguthaben zumindest ein bisschen was abwerfen. 

Was der Renditeanstieg für Staat und Häuslebauer bedeutet

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