Warum die deutsche Wirtschaft Angst vor Olympia in Peking hat

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Berlin, 26. Jan (Reuters) – Normalerweise freut sich die deutsche Wirtschaft auf Olympische Spiele. Sportliche Großereignisse kurbeln regelmäßig den Absatz von TV-Geräten an, veranlassen so manchen Couch-Potato zum Kauf von neuen Sportgeräten oder -kleidung. Und sie sorgen bei Medien für mehr Leser und Zuschauer mit steigenden Werbe- und Vertriebserlösen. Die kommende Woche beginnenden Winterspiele in Peking allerdings sorgen eher für große Sorgen in den Chefetagen der Unternehmen. Und das hat einen Grund: Omikron. Die Angst geht um, dass die Spiele zum Superspreader-Event werden, das die hochansteckende Variante des Coronavirus in die Volksrepublik trägt. Die dortige Regierung fährt bekanntlich eine Null-Covid-Strategie: Schon bei kleinsten Ausbrüchen werden Mega-Städte wochenlang in den harten Lockdown geschickt, ganze Fabriken und Hafenanlagen geschlossen. Folgt auf Olympia eine Omikron-Welle, würde das auch Deutschland schwer treffen, warnen Experten.

„Sollte sich die Omikron-Variante auch in China schneller und leichter übertragen, könnte das erneut zum Flaschenhals für globale Lieferketten werden und eine Rezession in bestimmten Branchen der deutschen Industrie anheizen“, warnt deshalb der Bundesverbandes der Deutschen Industrie (BDI). Angesichts der Olympischen Spiele – zu denen Tausende Ausländer einreisen und das Omikron-Virus einschleppen könnten – erwartet der BDI neue Abriegelungen. Diese könnten Produzenten und Exporteure sowie Unternehmen am Ende der Lieferketten vor neue Herausforderungen stellen. „Mit den Engpässen würden vermutlich auch höhere Preise einhergehen, die sich weiter auf die Inflation auswirken“, so der BDI.

CHINA FÜR DROSTEN DIE „GRÖSSTE SORGE“

Die 1,4 Milliarden Einwohnerinnen und Einwohner sind zwar größtenteils geimpft, allerdings nur mit heimischen Vakzinen. Und die wirken offenbar noch weniger gut gegen das hochansteckende Omikron als die etwa in Deutschland verwendeten mRNA-Impfstoffe. Der Charité-Virologe Christian Drosten hat China kürzlich als seine derzeit „größte Sorge“ bezeichnet. „Ein eskalierender Omikron-Ausbruch in China und die Eindämmungsversuche der chinesischen Regierung dürften negative Folgen für Europa haben“, sagt der Experte für internationale Konjunktur am Kieler Institut für Weltwirtschaft (IfW), Klaus-Jürgen Gern. „Dafür spricht auch, dass schon in jüngster Zeit die Menge an weltweiten Gütern, die auf Containerschiffen feststeckt, wieder zunahm.“ Auf dem Roten Meer – der wichtigsten Schiffshandelsroute zwischen Europa und Asien – sind dem IfW zufolge gegenwärtig 15 Prozent weniger Waren unterwegs, als unter normalen Umständen zu erwarten wären. „So groß war die Lücke zuletzt Mitte 2020, als die Corona-Pandemie erstmals zahlreiche Volkswirtschaften in den Lockdown zwang“, sagt Gern.

Dabei ist Deutschland auf einen reibungslosen Austausch angewiesen: Aus keinem anderen Land der Welt bezieht die Bundesrepublik so viele Waren wie aus China. Allein von Januar bis November 2021 waren es Güter im Wert von 127 Milliarden Euro. Gleichzeitig ist das Reich der Mitte nach den USA der zweitwichtigste Absatzmarkt für Waren „Made in Germany“. In den ersten elf Monaten des vergangenen Jahres wurden dort ein Exportumsatz von mehr als 95 Milliarden Euro erlöst. Da China auch für die Weltwirtschaft eine Schlüsselrolle spielt, hat der Internationale Währungsfonds (IWF) die Führung in Peking bereits zu einer Abkehr von ihrer strikten Null-Covid-Strategie aufgerufen. Die Beschränkungen erwiesen sich als Belastung – sowohl für die chinesische als auch für die globale Wirtschaft, sagt IWF-Chefin Kristalina Georgiewa.

Wirtschaft

„TEILE PESSIMISMUS NICHT“

Nicht so düster schätzt das Mercator Institute for China Studies (Merics) die Aussichten rund um die Spiele ein, die vom 4. bis 20. Februar ausgetragen werden. „Ja, Olympia führt zu weiterer Unsicherheit – keine Frage“, sagt Chefvolkswirt Max Zenglein. „Aber ich teile den kompletten Pessimismus nicht.“ China werde vielleicht eine Fahrradfabrik dichtmachen, aber keine Unternehmen längere Zeit schließen, in denen kritische Komponenten hergestellt werden. Im vergangenen Jahr seien ab und an Häfen geschlossen wurden. Dramatische Folgen für die Weltwirtschaft seien aber ausgeblieben. „Wir sind in einer anderen Situation als beim Ausbruch der Pandemie vor zwei Jahren“, betont China-Kenner Zenglein. „Damals kam das plötzlich. Jetzt können sich die Unternehmen vorbereiten. Zumindest jene, die in ihren Lieferketten vorausplanen können, sollten sich eingedeckt und ihre Lager aufgestockt haben.“

Die Volksrepublik hat die Corona-Krise gut gemeistert und ist 2020 als einzige große Wirtschaftsmacht sogar gewachsen. Im vergangenen Jahr hat die nach den USA zweitgrößte Volkswirtschaft der Welt sogar noch eine große Schippe draufgelegt: Das Bruttoinlandsprodukt legte mit 8,1 Prozent so stark zu wie seit einem Jahrzehnt nicht mehr. In diesem Jahr dürfte das Wachstum aber mit gut fünf Prozent deutlich kleiner ausfallen – auch wegen der Immobilienkrise, ausgelöst durch die Zahlungsschwierigkeiten des Immobilienkonzern Evergrande.

„Es ist davon auszugehen, dass es mit Olympia zu neuen Ausbrüchen kommen wird“, erwartet Merics-Experte Zenglein. Es werde dann darauf ankommen, ob diese regional begrenzt werden können. „Wenn es gelingt, die Einschränkungen regional auf Peking zu begrenzen, dann halte ich die wirtschaftlichen Folgen für begrenzt.“

Warum die deutsche Wirtschaft Angst vor Olympia in Peking hat

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