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Freitag, Dezember 9, 2022

Wahlen in Brasilien: Lulas Sieg würde positive Signale an die Märkte senden

Expertenmeinungen

Die bevorstehenden Wahlen in Brasilien kommentiert Marcus Weyerer, Senior ETF Investment Strategist bei Franklin Templeton:

Mehr als 150 Millionen Brasilianerinnen und Brasilianer – die größte Wählerschaft in der Geschichte des Landes – werden am 2. Oktober 2022 an die Urnen gerufen, und wahrscheinlich wird es einige Wochen später zu einer Stichwahl bei den Präsidentschaftswahlen kommen. Die Wähler haben die Qual der Wahl zwischen dem weit rechts stehenden Amtsinhaber Jair Bolsonaro und dem linken Superstar und ehemaligen Präsidenten Luiz Inacio Lula da Silva („Lula“) von der Partido dos Trabalhadores (Arbeiterpartei, PT). Mit einem konstanten Vorsprung in den Umfragen, oft im zweistelligen Bereich, ist letzterer eindeutig der Favorit.

Die Märkte könnten sich jedoch noch auf eine unruhige Fahrt einstellen, selbst wenn man davon ausgeht, dass ein Sieg Lulas weitgehend eingepreist ist. Bolsonaro bereitet bereits Behauptungen über Wahlbetrug vor, prangert ungünstige Umfragen als manipuliert an und kritisiert elektronische Wahlmaschinen. Wenn Lula nicht mit deutlichem Vorsprung gewinnt, könnte sich die brasilianische Bevölkerung bald auf Nachzählungen, Rechtsstreitigkeiten und eine weitere politische Spaltung einstellen.

Aus wirtschaftlicher Sicht könnte ein Sieg der Linken ein überraschend positives Ergebnis sein, und die Finanzmärkte spiegeln dies teilweise wider. Der brasilianische Real hat sich in letzter Zeit gegenüber dem Dollar behauptet, während viele Währungen der Industrieländer, darunter der Euro und das Pfund Sterling, angeschlagen sind. Brasilianische Aktien haben sich im bisherigen Jahresverlauf und auf Jahressicht deutlich besser entwickelt als die der Schwellenländer.

Obwohl Lula viele von der linken PT geprägte Maßnahmen wie Transferzahlungen und Schuldenerlassprogramme unterstützt, wird er weder von der Wirtschaft noch von der breiten Bevölkerung als sozialistischer Hitzkopf angesehen – trotz Bolsonaros Versuchen, ihn als solchen darzustellen. Auf dem Papier gelegentlich radikal, war Lulas tatsächliche Politik von 2003 bis 2010 eher pragmatisch. In seiner Zeit als Präsident konnte er ein durchschnittliches jährliches BIP-Wachstum von 4,5 % erzielen, die Staatsverschuldung im Verhältnis zum BIP um ein Drittel senken und etwa 20 Millionen Brasilianer aus der Armut holen.

Bolsonaro hatte natürlich auch seine eigenen Erfolge im Amt, vielleicht am bemerkenswertesten eine gigantische langfristige Rentenreform im Jahr 2019. Diese wird weithin als wichtiger Schritt zur Konsolidierung des brasilianischen Haushaltsdefizits angesehen, das in den letzten Jahren vor allem aufgrund der exorbitanten Rentenkosten in die Höhe geschossen ist. Bis 2030 soll die Reform Einsparungen in Höhe von rund 800 Mrd. Reais (155 Mrd. USD zum heutigen Wechselkurs) bringen. Dennoch werden derzeit immer noch über 90 % des Haushalts für die obligatorischen Zahlungen ausgegeben, so dass wesentliche Fortschritte kurzfristig unwahrscheinlich sind – unabhängig davon, wer die Wahl gewinnt.

Der nächste Präsident wird sich auch mit der Aussicht auf eine schwächelnde Weltwirtschaft auseinandersetzen müssen. Auf der anderen Seite wird Brasilien wahrscheinlich weiterhin von den hohen Rohstoffpreisen profitieren, obwohl es auch Risiken durch eine Eskalation des Krieges in der Ukraine ausgesetzt ist, da es stark von Düngemittelimporten abhängig ist. Es ist jedoch zu beachten, dass Brasilien selbst als führender Rohstoffexporteur von globalen wirtschaftlichen Schocks einigermaßen abgeschirmt ist. Der Handel macht nur weniger als ein Drittel des BIP aus, während der Konsum der privaten Haushalte über 60 % ausmacht.

Unter dem Strich würde eine Lula-Präsidentschaft wahrscheinlich kurzfristig zu einem steigenden Defizit führen, das mittelfristig durch höhere Steuereinnahmen und mehr privaten Konsum ausgeglichen werden könnte. Die staatlichen Investitionen in den Ausbau der erneuerbaren Energien könnten erhöht werden. Brasilien ist bereits führend in der Erzeugung von Wasserkraft, doch Lula hat in seinem Wahlprogramm versprochen, das staatliche Unternehmen Petrobras an Herausforderungen durch den Klimawandel anzupassen, damit es besser mit europäischen Unternehmen konkurrieren kann. Ein Wahlsieg der PT könnte in der Tat dazu beitragen, das enorme Potenzial Brasiliens im Bereich der grünen Energien freizusetzen, insbesondere in Zeiten erhöhter geopolitischer Bedenken hinsichtlich der Energiesicherheit.

Am wahrscheinlichsten scheint eine Stichwahl zwischen Bolsonaro und Lula, aus der Lula schließlich als Sieger hervorgeht. Es ist mit einer gewissen Volatilität zu rechnen, entweder weil die Märkte im Falle eines unerwarteten Sieges von Bolsonaro eine Neubewertung vornehmen müssen, oder weil die Anleger im Falle eines Sieges von Lula eine gewisse Unsicherheit nach den Wahlen verdauen und seine tatsächliche Politik im Vergleich zu den Wahlversprechen einschätzen müssen. In beiden Fällen bieten sich den Anlegern jedoch zahlreiche Möglichkeiten, da das Land sowohl bei Energie- als auch bei Agrarrohstroffen führend ist, einen Vorsprung bei den grünen Energien hat und über eine junge und weiter wachsende Belegschaft verfügt.

Wahlen in Brasilien: Lulas Sieg würde positive Signale an die Märkte senden

Foto von Marcus Weyerer (Quelle: Franklin Templeton)

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