Dienstag, März 5, 2024
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Versteckte Arbeitslosigkeit in Russlands Autoindustrie

Ischewsk, 25. Aug – Russlands Arbeitsmarkt steht blendend da, und beim größten Autohersteller des Landes, Avtovaz, rollen seit Sommer wieder Ladas vom Band. Mit einem Rekordtief der offiziellen Arbeitslosenquote von 3,9 Prozent im Juni scheint der russischen Wirtschaft eine überraschend geschmeidige Abkopplung vom Westen gelungen zu sein. In der Autobranche lassen westliche Sanktionen zwar Bauteile fehlen, doch das Lada-Modell Granta wird nun eben ohne Klimaanlage produziert. Auch der Rückzug des französischen Partners Renault hinderte das Unternehmen nicht daran, seine im März gestoppte Produktion wieder aufzunehmen. Der Absatz brach in den ersten sieben Monaten zwar um über 60 Prozent ein, aber keiner der 42.000 Avtovaz-Mitarbeiter wurde entlassen.

Viele Mitarbeiter wurden aber unbefristet in Kurzarbeit geschickt oder beurlaubt. Sie bekommen Geld, ohne zu arbeiten. Das gilt bereits seit März für den Großteil der 3200 Arbeiter in der Avtovaz-Fabrik in Ischewsk. In der rund 1200 Kilometer östlich von Moskau gelegenen Industriestadt ist die Produktion anders als in anderen Avtovaz-Werken noch nicht wieder angelaufen. Der Konzern zahlt den beurlaubten Mitarbeitern zwei Drittel ihrer Löhne, einige der Arbeiter werden mit reduzierter Stundenzahl für Tätigkeiten rund um die Fabrik herangezogen. 

„SIE WERFEN NIEMANDEN RAUS“

„Sie werfen niemanden raus“, sagt am Ausgangstor des Werks ein Avtovaz-Manager, der es bei seinem Vornamen Sergej belassen will und die Lage treffend beschreibt. Von „versteckter Arbeitslosigkeit“ spricht in diesem Zusammenhang nämlich beispielsweise der Experte Ruben Enikolopow von der Neuen Wirtschaftsschule in Moskau. „In Russland lösen Wirtschaftskrisen in der Regel keine Massenarbeitslosigkeit aus, weil es die Besonderheiten des russischen Arbeitsmarkts wie die Beurlaubungen gibt.“ Gegen Ende des Jahres rechne er aber schon mit einem Anstieg der Arbeitslosenquote, sagt der Wirtschaftsprofessor. Dann werde wohl klar, dass es vorerst kein Ende der Sanktionen gebe.

Das russische Wirtschaftsministerium lehnte eine Stellungnahme zu diesem Artikel ab. Ressortchef Maxim Reschetnikow wies aber jüngst Vermutungen zurück, dass es zu einem dramatischen Anstieg der Arbeitslosigkeit kommen werde. „Im August werden wir uns von diesen rekordtiefen Zahlen wegbewegen, aber wir sollten das nicht überdramatisieren, die Lage ist unter Kontrolle“, sagte er bei einer Konferenz in Jekaterinburg. Die Regierung prognostizierte unlängst zudem, dass der Konjunktureinbruch in diesem Jahr nicht so stark ausfallen werde, wie zunächst befürchtet. Hohe Ölpreise nutzen dem Rohstoff-Exportland. Die Bevölkerung profitiert von einer Reihe von Maßnahmen, die die Inflation abfedern sollen.

DIE HALBE BELEGSCHAFT DER FLUGÜBERWACHUNG IST BEURLAUBT

Doch Ende Juli gab es nach amtlichen Angaben aber auch 236.00 Russen, die beurlaubt oder in Kurzarbeit sind. Das galt beispielsweise für die Hälfte aller Mitarbeiter in der Flugüberwachung des Landes, das sind 14.000 Arbeitskräfte. Ebenso viele Arbeiter in der Autoindustrie sind allein deshalb beurlaubt, weil internationale Hersteller wie Volkswagen, Nissan oder Volvo in Russland den Stecker gezogen haben. Die Konzerne wurden einst angezogen von einer Industrie, die als Symbol wirtschaftlichen Erfolgs in Russland galt. 

Ein Abschwung in der Branche könnte weitreichende Folgen haben: 2020 arbeiteten in dem Industriezweig rund 400.000 Menschen. Noch einmal etwa zehn Mal so viel waren laut Regierungsstatistiken in von der Autoindustrie indirekt abhängigen Branchen beschäftigt.

„Angesichts des gegenwärtigen Sanktionsdrucks … leiten wir umfassende Maßnahmen ein, um die Beschäftigung aufrecht zu erhalten“, sagte Avtovaz-Präsident Maxim Sokolow kürzlich, als er sich zum Erhalt der Fabrik in Ischewsk bekannte. Das Werk soll so ungerüstet werden, dass dort mit dem Lada e-Largus das erste in Russland gefertigte Elektroauto vom Band rollen kann. 

Zugleich will sich Avtovaz aber auch verstärkt auf sein Hauptwerk im 600 Kilometer entfernten Toljatti konzentrieren. Den Mitarbeitern in Ischewsk wurde jeweils eine Abfindung von 200.000 Rubel (rund 3300 Euro) angeboten. Avtovaz will im September bekanntgeben, wie viele darauf eingegangen sind.

Manager Sergej gehört nicht dazu. „Viele wollen bleiben“, sagt der 58-Jährige. „Niemand weiß im Moment irgendwas.“ Es seien noch keine großen Entscheidungen getroffen worden. „Alle warten ab.“

Versteckte Arbeitslosigkeit in Russlands Autoindustrie

Quelle: Reuters

Titelfoto: Symbolfoto

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