Volkswirte zum überraschenden Anstieg des Ifo-Index

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Frankfurt, 25. Apr (Reuters) – Die Stimmung in den Chefetagen der deutschen Wirtschaft hat sich trotz des Kriegs in der Ukraine überraschend etwas aufgehellt. Das Barometer für das Geschäftsklima stieg im April auf 91,8 Punkte nach 90,8 Zählern im März, wie das Münchner Ifo-Institut am Montag zu seiner monatlichen Umfrage unter rund 9000 Managern mitteilte. Von Reuters befragte Ökonomen hatten hingegen mit einem Rückgang auf 89,1 Zähler gerechnet. „Nach dem ersten Schock über den russischen Angriff zeigt die deutsche Wirtschaft sich widerstandsfähig“, sagte Ifo-Präsident Clemens Fuest. Die Führungskräfte beurteilten ihre Geschäftslage und auch die Aussichten für die kommenden sechs Monate besser als zuletzt.

Volkswirte sagten dazu in ersten Reaktionen:

ULRICH KATER, CHEFVOLKSWIRT DEKABANK:

„Der überraschende Anstieg des Geschäftsklimas bedeutet keine Entwarnung. Zum einen profitieren die Dienstleister gegenwärtig vom Ende des Lockdowns und zum anderen sind die Folgen der bisherigen Wirtschaftssanktionen besser einschätzbar. Das bedeutet allerdings nicht, dass der Gegenwind für die deutsche Wirtschaft nachlässt. In China verursachen immer mehr Lockdowns neue Versorgungs- und Produktionsengpässe, die sich hierzulande in den kommenden Wochen zeigen werden. Die Konjunkturaussichten für dieses Jahr bleiben eingetrübt, insbesondere wenn sich die Sanktionsspirale weiterdrehen sollte.“

CHRISTOPH SWONKE, DZ BANK:

„Überraschend ist das Ifo-Geschäftsklima für Deutschland im April leicht gestiegen. Die deutsche Unternehmenswelt hat sich nach den Corona-Wellen der letzten zwei Jahre sowie den Lieferengpässen schon in einer schwierigen Position befunden. Jetzt kommen die negativen Auswirkungen der Sanktionen, der immens gestiegene Kostendruck und der Unsicherheit des Ukraine-Kriegs hinzu. Trotzdem fällt die Bewertung der aktuellen Lage marginal und die der Erwartungen leicht besser aus. Damit steigt das Ifo-Geschäftsklima für Deutschland um einen Punkt auf 91,8 Punkte. Das ist aber immer noch niedriger als zum Jahresanfang 2021. Das Umfeld bleibt trotz des leichten Anstiegs herausfordernd und die Unsicherheit hoch. Von einer Trendwende kann daher noch nicht die Rede sein.“

FRITZI KÖHLER-GEIB, KFW-CHEFVOLKSWIRTIN:

„Der unvermindert wütende Krieg, neue Störungen in den globalen Lieferketten wegen des strengen Lockdowns in Schanghai und der höchste Erzeugerpreisanstieg seit Gründung der Bundesrepublik sind eine große Belastung für die wirtschaftliche Stimmung. Dennoch haben die Unternehmen einen Teil des Schockabsturzes aus dem Vormonat im April korrigiert. Das passt recht gut zu den aktuellen Konjunkturprognosen, die trotz Abwärtsrevisionen auf breiter Front für 2022 im Mittel immer noch ein solides Wachstum von gut zwei Prozent versprechen. Fakt ist jedoch: Alle Prognosen sind derzeit höchst unsicher. Wir alle denken stattdessen besser in Szenarien und arbeiten zugleich hart daran, dass ein gutes Szenario Wirklichkeit wird! Wesentliche Bausteine hierfür sind die Eindämmung der russischen Aggression, eine wirksame soziale Abfederung der Inflations- und Sanktionslasten, eine rasche Diversifizierung der Energieversorgung, aber auch – und das wird angesichts der Schreckensbilder des Krieges leicht vergessen – eine konsequente Vorbereitung auf eine neue Corona-Welle im Herbst.“ 

ELMAR VÖLKER, LBBW:

„Nachdem das ifo-Geschäftsklima im März einen historischen Einbruch in Reaktion auf den Kriegsausbruch in der Ukraine verzeichnet hatte, zeigen die April-Daten einen gewissen Hoffnungsschimmer, dass die deutsche Wirtschat zumindest nicht in einen freien Fall übergeht. Der erste Kriegsschock scheint sich etwas gelegt zu haben, aber angesichts der Vielzahl bestehender Risiken scheint es zu früh, bereits vom Beginn einer Trendwende zu sprechen. Der Verlauf des Ukraine-Kriegs bleibt schwer berechenbar, inklusive eines möglichen Gas-Lieferstopps. Die Hochinflation belastet schon jetzt die Konjunkturaussichten erheblich und die wiederholten Corona-Ausbrüche in China drohen den Handel noch länger zusätzlich zu belasten. Ab wann die deutsche Wirtschaft wieder in stabilere Fahrwasser für eine Wiederaufnahme des Post-Corona-Aufschwungs gelangt, ist derzeit noch nicht absehbar.“

JÖRG KRÄMER, CHEFVOLKSWIRT COMMERZBANK:

„Nach dem Absturz im Vormonat hat sich das Ifo-Geschäftsklima im April ein wenig erholt. Das ändert aber wenig daran, dass die Unternehmen wegen des Ukraine-Kriegs und eines nach wie vor möglichen Energieembargos mit großer Sorge in die Zukunft blicken. Die Industrieproduktion dürfte im zweiten Quartal sinken. Deshalb wird das Bruttoinlandsprodukt trotz der Lockerung der Corona-Beschränkungen im zweiten Quartal wohl nur stagnieren.“

ALEXANDER KRÜGER, CHEFVOLKSWIRT HAUCK AUFHÄUSER LAMPE: 

„Die Großwetterlage ist durch den Ukraine-Krieg nicht anders als vor einem Monat. Unternehmen bleiben deshalb schlecht gelaunt, gerade mit Blick nach vorn. Der Indexanstieg ist also kein Wendesignal. Weil die globale Lieferlogistik weiter erheblich stocken dürfte, wird der produktionsseitige Druck eher stärker werden. Nachteilig wirken hier insbesondere auch die Lockdowns in China. Das Comeback der Produktion in den vergangenen Monaten steht daher vor dem Aus. Der Flirt mit einer Rezession wird auch ohne Energiekrise anhalten.“

Volkswirte zum überraschenden Anstieg des Ifo-Index

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