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Analyse: Befreiungsschlag mit neuem Bayer-Chef – Kommt die Aufspaltung?

Frankfurt, 09. Feb – Ein massiver Vertrauensverlust der Aktionäre, anstehende Patentverluste im Pharmageschäft und nicht zuletzt die juristische Großbaustelle Glyphosat in den USA – auf den neuen Bayer-Chef Bill Anderson warten viele Probleme. Doch Investoren und Analysten trauen Anderson, bis Dezember Chef der Pharmasparte des Schweizer Roche-Konzerns, einen Kurswechsel zu: „Bill Anderson ist eine sehr gute Wahl für Bayer und könnte der Befreiungsschlag sein, auf den Investoren gewartet haben“, sagt Fondsmanager Markus Manns von Union Investment. Die Entscheidung für einen ausgewiesenen Pharma-Fachmann, der nicht von Bayer selbst kommt, gibt auch den Fantasien über eine künftige Aufspaltung des Konzerns Auftrieb.

An der Börse bekam Anderson bereits Vorschusslorbeeren: Die Aktien von Bayer reagierten mit einem Kurssprung von sechs Prozent auf die Nachricht, dass Vorstandschef Werner Baumann vorzeitig in den Ruhesstand geht und der 56-Jährige zum Juni das Ruder übernimmt. Der Druck von Investoren auf einen Wechsel an der Vorstandsspitze des Traditionskonzerns war zuletzt gestiegen. Bei der Suche nach einem Nachfolger für Baumann, die bereits Mitte vergangenen Jahres angestoßen worden war, wurde der Aufsichtsrat wie von vielen Anteilseignern gefordert außerhalb des Unternehmens fündig. Nach dem niederländisch-amerikanischen Manager Marijn Dekkers, der von 2010 bis 2016 an der Konzernspitze stand, ist Anderson der zweite Vorstandschef von Bayer, der nicht aus den eigenen Reihen stammt.

NEUER BAYER-CHEF KÖNNTE PHARMAGESCHÄFT SCHUB GEBEN

Experten begrüßten die ausgewiesene Pharmaexpertise von Anderson, vor allem in den für Bayer wichtigen Bereichen Onkologie und Augenheilkunde. „Die Ernennung eines CEO mit einem starken Profil in der Pharmabranche ist positiv für das Unternehmen, insbesondere angesichts der bekannten Herausforderungen im Pharmageschäft“, erklärt Richard Vosser von JP Morgan. Denn Mitte des Jahrzehnts laufen die Patente der beiden Bayer-Kassenschlager – der Gerinnungshemmer Xarelto und das Augenmittel Eylea – aus. Dann drohen durch Konkurrenzprodukte erhebliche Umsatzeinbußen.

Zwar hatte Bayer erst kürzlich das Spitzenumsatzpotenzial seiner vielversprechendsten Blockbuster-Medikamentenkandidaten deutlich angehoben auf mehr als zwölf Milliarden Euro. Doch es dauert noch mehr als zwei Jahre, bis Investoren mehr Gewissheit über den derzeit wichtigsten Hoffnungsträger – den neuartigen Gerinnungshemmer Asundexian – haben: Analysten erwarten die Ergebnisse der entscheidenden Phase-3-Studie mit dem Mittel nicht vor dem zweiten Halbjahr 2025. „Die Pharmasparte ist zweifellos die schwächste Sparte von Bayer, verglichen mit dem starken Pflanzenschutzgeschäft und dem soliden Consumer-Health-Geschäft,“ urteilen die Analysten der Credit Suisse. Investoren, die eine Verbesserung des Pharmageschäfts erwarten, dürften die Berufung von Anderson daher begrüßen.

BLEIBT ES BEI DREI BAYER-STANDBEINEN?

Zugleich dürften aber die Spekulationen über eine mögliche Aufspaltung von Bayer zunehmen, erwarten die Analysten der Investmentbank Jefferies. Wiederkehrende Forderungen nach einer Aufspaltung in ein Pharma- und ein Agrargeschäft hat Bayer stets zurückgewiesen. Befürworter eines solchen Schritts ist einem Insider zufolge der aktivistische Investor Bluebell, der schon vor einigen Monaten bei Bayer eingestiegen ist. Die Investmentgesellschaft Inclusive Capital des Hedgefonds-Manager Jeffrey Ubben, der Anfang Januar seinen Einstieg publik gemacht hatte, sieht eine Zerschlagung des Pharma- und Agrarkonzerns dagegen nicht als notwendig an, um Wert zu schaffen. „Aber sie muss auf dem Tisch liegen“, hatte Ubben gefordert.

Eine Aufspaltung könnte den Konglomeratsabschlag bei Bayer beseitigen, da Mischkonzerne an der Börse oft niedriger bewertet werden als ihre Einzelteile. Die Analysten von Goldman Sachs rechneten kürzlich vor, dass ein solcher Abschlag normalerweise 15 Prozent beträgt, sich bei Bayer unter Berücksichtigung der Glyphosat-Klagewelle aber auf fast 30 Prozent beläuft. Credit Suisse sieht diesen Abschlag gegenwärtig sogar bei 40 Prozent.

Fondsmanager Manns sieht es daher neben der Wiedergewinnung des Vertrauens der Investoren und einer Stärkung der Pharma-Pipeline als wichtigste Aufgabe von Anderson an, sich Gedanken über die Unternehmensstruktur zu machen. „Eine Abspaltung von Consumer Health wäre unserer Meinung nach wertschaffend, darüber sollte eine Diskussion erfolgen.“ Auf der Arbeitnehmerseite stoßen solche Stimmen aber auf Abwehr: „Aus Sicht der Beschäftigten ist Bayer mit seinen drei Standbeinen genau richtig aufgestellt für die Herausforderungen der Zukunft“, sagt Francesco Grioli, Bayer-Aufsichtsratsmitglied und Vorstandsmitglied der Gewerkschaft IG BCE, dem „Spiegel“. „Die Transformation der Industrie bewältigt man nur mit einer Unternehmenspolitik, die auf Risikostreuung und Nachhaltigkeit beruht, und nicht auf Hedgefonds-Aktivismus.“

Analyse: Befreiungsschlag mit neuem Bayer-Chef – Kommt die Aufspaltung?

Quelle: Reuters

Symbolfoto: Bild von günter auf Pixabay

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